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Die Verhaftung

Gegen drei Uhr nachmittags klopfte es bei Dewey an der Zimmertür. Es waren zwei Männer, stämmig für philippinische Verhältnisse. Einer hatte einen ganz strammen Bürstenschnitt. Der andere trug eine Sonnenbrille.

"Sind Sie Herr Cal?" fragte der Kurzhaarige.

"Ja, warum?" sagte Dewey.

"Es ist so," sagte der Bürstenschnitt "wir haben hier etwas für Sie."

Er gab ihm ein Blatt Papier, das gefaltet war, und Dewey faltete es auf. Es war mit unsauberer Type maschinenbeschrieben und der Briefkopf waren Zeilen in Großbuchstaben.

REPUBLIC OF THE PHILIPPINES

METROPOLITAN POLICE FORCE

MANILA

WESTERN POLICE DISTRICT

STATION 5

DEPARTMENT OF INVESTIGATION

Darunter stand:

Anzeige wegen Vergewaltigung

Kläger: Babie Solis

Beschuldigter: ein Ausländer mit Namen Cal.

"Um Gottes Willen," ging es Dewey durch den Kopf. "Das hat gerade noch gefehlt."

Er sagte: "Sind Sie von der Polizei"? Beide waren in Zivil.

Der Bürstenschnitt sagte: "Ich bin Leutnant Castro."

Er deutete auf die Sonnenbrille: "Sergeant Montajes."

Beide grinsten.

Dann fügte der Bürstenschnitt hinzu: "Wir möchten Sie bitten, mit aufs Revier zu kommen. Formsache, wissen Sie. Wir müssen auch Ihre Seite hören."

"Darf ich das erst schnell lesen?" fragte Dewey.

"Aber selbstverständlich," sagte Leutnant Castro und grinste.

"Kommen Sie doch für einen Moment herein."

Sie setzten sich auf die Stühle, und Sergeant Montajes bot Zigaretten an. Auch Dewey rauchre eine. Dabei las er die Anzeige. Sie war in Frage-Antwort-Form abgefaßt.

Frage: Schwören Sie, die Wahrheit zu sagen, nichts hinzuzufügen und nichts Entscheidendes wegzulassen?

Antwort: Ja

Frage: Wie sind Ihre Personalien?

Antwort: Ich bin Babie Solis, 16 Jahre alt, Tochter des Bestattungsunternehmers Reynaldo Solis, wohnhaft in 78 Reyes Street, Pasig City, Metro Manila.

Frage: Sie haben eine Beschuldigung vorzubringen?

Antwort: In der vergangenen Nacht wurde ich im Hotel San Carlos, Zimmer 506, von einem Touristen zum sexuellen Verkehr gezwungen.

Frage: Wer war dieser Tourist?

Antwort: Ich kenne ihn nur mit Vornamen. Er heißt Cal und ist etwa 35 Jahre alt.

Frage: Kannten Sie diesen Cal schon lange?

Antwort: Nein, wir lernten ihn erst an diesem Abend im Rizal-Park kennen.

Frage: Sie sagten Wir. Waren Sie nicht allein?

Antwort: Nein, ich war in Begleitung meiner Schulfreundin Bet Collantes. Wir waren zusammen von zu Hause weggelaufen und hatten uns den ganzen Tag zunächst in der Stadt und am Abend im Rizal-Park aufgehalten. Dort lernten wir kurz nach unserer Ankunft den Touristen Cal kennen, der uns eine Mahlzeit versprach, wenn wir zu ihm ins Hotelzimmer kämen.

Frage: Was ereignete sich im Hotelzimmer?

Antwort: Nach der Mahlzeit bestand der Tourist Cal darauf, daß ich bei ihm im Bett schlafe. Er versicherte mir, er würde mich nicht anrühren. Nachdem ich schon eingeschlafen war, begann er jedoch mit sexuellen Handlungen.

Frage: Wie haben Sie darauf reagiert?

Antwort: Sobald ich zu Bewußtsein kam, habe ich mich gewehrt. Herr Cal hielt mich aber mit seiner überlegenen Kraft fest.

Frage: Wo war zu diesem Zeitpunkt Ihre Freundin Bet Collantes?

Antwort: Sie schlief im Zimmer auf zwei Sesseln.

Frage: Haben Sie Bet Collantes nicht um Hilfe gerufen?

Antwort: Nein. Der Tourist Cal hatte mir gedroht, er werde uns beide umbringen, wenn ich schreie.

Frage: Beschreiben Sie, was dann geschah.

Antwort: Cal streifte meine Jeans-Hose herunter und drang mit seinem Giied in meine Scheide ein.

Frage: Haben Sie sich dabei auch weiter gewehrt?

Antwort: So gut ich es konnte. Ich konnte Herrn Cal aber nicht am Akt hindern.

Frage: Was geschah dann?

Antwort: Wir schliefen in Cals Zimmer und gingen am Morgen nach Hause.

Es folgten noch ein paar Floskeln in denen Babie bestätigte, die Angaben ohne Zwang gemacht zu haben, und sie bezeichnete ihre Behauptungen nochmals ausdrücklich als wahr.

Unterschrieben war das ganze von ihr und von Leutnant Castro.

"Das ist doch alles erstunken und erlogen," sagte Dewey. "Da ist überhaupt kein Wort wahr dran. Glauben Sie denn das? Das glauben Sie doch nicht."

Das können wir leider nicht entscheiden," sagte Leutnant Castro. "Wir sind nur Polizisten, keine Richter. Sie wissen das ja."

"Ja, natürlich," sagte Dewey.

"Wir möchten natürlich auch Ihre Seite hören. Deshalb möchten wir Sie bitten, mit uns zu kommen. Sie verstehen?" sagte Castro und grinste, und sein Sergeant grinste mit.

Dewey kämmte sich noch schnell die Haare und dann fuhr er mit den beiden aufs Revier 5.

Im Eingang des Polizei-Pavillons in der United Nations Avenue stand ein Mann von unglaublicher Körperfülle. Als er Leutnant Castro und Sergeant Montajes zusammen mit Cal Dewey kommen sah, rief er ihnen entgegen: "Da haben wir ja den Kerl."

Dies war also Babies Vater, der Bestattungsunternehmer Reynaldo Solis. Er war so schwer, daß er nur breitbeinig stehen konnte. Die Arme waren ausgestellt wie bei einem Halbstarken, der breitschultrig aussehen will; aber bei Babies Vater waren es die Fettmassen, die diese Körperhaltung bedingten. Der Kopf war dick und rund, und weil sich die Haut ohne Falten über die fetten Backen spannte, war sein Alter schwer zu schätzen. Links hatte er einen handgroßen Schatten über der Schläfe; die Haut war dort bläulich gefärbt, und es sah aus, als sei dieser fette Kopf einmal mit voller Wucht von einem Fußball getroffen worden.

Dieser Koloß stand also auf den Stufen der Station 5, und als Dewey an ihm vorbeigeführt wurde, hob er gefährlich den Arm und sagte mit überlauter Stimme: "Das wirst du mir büßen, du Strolch!"

Dewey duckte sich. Er erwartete einen Streich - weniger einen richtigen Schlag, denn es war ein Handrücken, nicht eine Faust, was ihn bedrohte. Aber es war nur eine Geste des Dicken.

Castro geleitete Dewey zu einem Schreibtisch, auf dem eine alte große Schreibmaschine stand. Dewey schaute sich in der Halle des Pavillons um. Auch Babie war hier. Sie stand in der Tiefe des Raumes. Neben ihr saß auf einem Stuhl eine Frau, die wohl ihre Mutter war. Sie hatte Hamsterbacken, so daß im Profil die Nase kaum zu sehen war. Das Gesicht wirkte, als sei es nach innen gefaltet. Dewey fragte sich, von wem Babie ihre schmale Schönheit geerbt haben mochte.

Der Bestattungsunternehmer Solis bewegte sich in dem Pavillon, als seien die Beamten seine Angestellten. Als Leutnant Castro mit der Vernehmung Deweys begann, stand Solis wie ein Aufseher neben dem Polizisten.

Zunächst gab Dewey wahrheitsgetreu Auskunft über seine Personalien.

"Und nun zum Vorwurf der Vergewaltigung," sagte Leutnant Castro.

"Er ist aus der Luft gegriffen," sagte ängstlich Dewey. "Bedenken Sie den inneren Widerspruch in der Aussage des Mädchens. Einerseits behauptet sie, sie habe sich gewehrt; andererseits gibt sie zu, sie habe ihre Freundin, die auch im Zimmer war, nicht um Hilfe gerufen. Das ergibt doch keinen Zusammenhang."

"Das Mädchen behauptet, sie hätten ihr gedroht sie umzubringen, wenn sie um Hilfe rufe," sagte Leutnant Castro.

"So. Und warum hätte ich ihr denn dann nicht auch mit dem Tod drohen sollen, falls sie sich überhaupt wehre. Da fehlt doch der Zusammenhang," sagte der arme Dewey verzweifelt.

"Wenn es sich so zugetragen hat, wird es schon seinen Zusammenhang haben, du Strolch," sagte der fette Bestattungsunternehmer. Der konnte sich hier ja anscheinend alles erlauben.

"Ja, verstehen Sie, wir sind ja nur die Polizei, nicht die Richter," sagte Leutnant Castro. "Wir nehmen nur auf, was man uns sagt. Entscheiden tut der Richter. Wenn Sie im Recht sind, brauchen Sie ja keine Angst zu haben vor dem Richter."

Und dann grinste er wieder, dieser Leutnant Castro, so als wäre es ungeheuer amüsant, daß der arme Tourist Dewey unschuldig in der Patsche saß.

"Wir sind nur die Polizei. Wir nehmen nur auf," wiederholte Leutnant Castro. "Es geht hier alles seinen ordnungsgemäßen Gang. Wir hören beide Seiten. Sie können uns zu Protokoll geben, wie es sich Ihrer Meinung nach zugetragen hat."

"Was heißt: meiner Meinung nach? Ich kann Ihnen sagen, was wirklich passiert ist," sagte Dewey mit der Stimme der Verzweiflung.

"Ihrer Meinung nach," sagte Leutnant Castro und grinste unter seinem Bürstenschnitt. "Was stimmt, entscheidet der Richter."

"Ich habe das Mädchen nicht vergewaltigt. So ein Unsinn."

"Aber Sie haben sie doch mit ins Zimmer genommen?"

"Ja, natürlich, beide."

"Und Sie haben die Klägerin veranlaßt, in Ihrem Bett zu schlafen?"

"Ja, warum nicht? Das ist ja kein Verbrechen. Ich habe ihr ja nur zugeredet."

"Und Sie hatten auch sexuellen Verkehr mit ihr?"

"Ja, natürlich, das wird ja wohl erlaubt sein."

Der fette Vater fiel dazwischen: "Aha, jetzt gibt er es also zu, das Schwein."

"Ich gebe überhaupt nichts zu," sagte Dewey.

"Und Sie hatten... ich meine: so richtig?" fragte Leutnant Castro mit einem Grinsen, das klar besagte: er hätte auch gern mal mit Babie Solis... na ja, so richtig eben.

"Die wollte es ja selber. Die war es ja, die es wollte. Ich wollte ja gar nicht," sagte Dewey trotzig.

Der Leutnant grinste, so als wollte er sagen: das muß ja ein tolles Erlebnis gewesen sein.

Dem korpulenten Leichengräber stieg die Zornesröte ins Gesicht. Er sagte mit seiner überlauten Stimme: "Das könnte dir so passen, du dreckiger Lümmel. Meine Tochter wollte überhaupt nichts. Mit dir Schwein schon gar nicht. Merke dir das."

"Sollen wir das jetzt aufnehmen und Sie unterschreiben das?" fragte Leutnant Castro.

"Ich unterschreibe überhaupt nichts," sagte Dewey trotzig.

"Sie können natürlich auch einen Rechtsanwalt anrufen, der Sie vor Gericht vertritt. Sie wissen ja, wir leben in einem Rechtsstaat."

"Ich will keinen Rechtsanwalt. Und ich will mit Ihren Richtern nichts zu tun haben. Das ist mir zu unsicher. Was weiß ich, was da raus kommt."

"Ein Prozeß wird sich wohl nicht vermeiden lassen," sagte Castro.

"Ein Prozeß. Ich will keinen Prozeß. Sie können mir den Buckel runterrutschen mit diesem Quark. Ich habe niemanden vergewaltigt. So ein Unsinn. Ich will jetzt gehen. Lassen Sie mich in Ruhe." (Mein lieber Cal Dewey. Wer wird sich denn so aufregen.)

"Das wird wohl so einfach nicht gehen," sagte der Bürstenschnitt-Leutnant. "Das muß alles erst geklärt werden."

"Und was soll das heißen?" fragte Dewey.

"Nun ja," sagte Castro und machte eine Pause. "Nun ja, wir müssen Sie wohl vorläufig hierbehalten. Bis die Angelegenheit geklärt ist."

Der Leichengräber sagte dazwischen: "Ja, sperren Sie ihn ein, diesen Sittlichkeitsverbrecher. Der ist ja eine Gefahr für die Allgemeinheit. Vielleicht bringt er sein nächstes Opfer wirklich um."

"Soll das heißen, daß Sie einen Unschuldigen ins Gefängnis bringen?" fragte Dewey.

War er einen Moment zuvor noch empört, so war er jetzt wieder verzweifelt.

"Nehmen Sie es leicht," sagte Leutnant Castro und grinste. "Es ist ja nichts Endgültiges. Nur bis die Sache geklärt ist."

"Bis die Sache geklärt ist. Das kann ja wohl lange dauern."

"Sagen Sie das nicht. Touristen haben Anspruch auf ein schnelles Verfahren. Dafür gibt es Schnellgerichte. Das kann schon am Montag abgeschlossen sein."

"Ich will aber nicht vor den Standrichter. Das ist mir zu unsicher, verstehen Sie. Ich will nicht vor ein Standgericht. Da sitze ich vielleicht dann jahrelang im Gefängnis, nur weil nichts sorgsam geprüft wurde. Das ist mir zu unsicher," sagte Dewey.

"So ist es auch wieder nicht," sagte Leutnant Castro. "Sie können ja immer noch Berufung einlegen. Da wird dann schon sorgfältig geprüft."

Dann stand Leutnant Castro auf und sagte: "Vorläufig müssen Sie bitte mitkommen. Oder wollen Sie noch etwas zu Protokoll geben?"

"Nein," sagte Dewey niedergeschlagen. Dann folgte er Leutnant Castro in die Gemeinschaftszelle, die von der Pavillon-Halle durch eine schwere Gitterwand abgetrennt war.