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Toni Gräf

Toni Gräf nahm ein Jeepney in der Mabini Street. Es war früher Nachmittag, und um diese Zeit waren sie nicht überfüllt. Er konnte auf dem Beifahrersitz Platz nehmen und mußte nicht auf die hintere Ladefläche mit der niederen Überdachung. Das Radio schepperte "Hands up, Baby, hands up ...."

Man hatte nicht viel Sicht nach vorne. Die Windschutzscheibe war mit Aufklebern umrandet. Sprüche waren zu lesen wie "God is my co-pilot" und "Coke is it", neben einem verblaßten Union Jack klebte ein Hakenkreuz, und daneben bezeugte ein weiterer Aufkleber, daß dieser Jeepney mit Supreme Five Star Motor Oil von Caltex fuhr.

Auf der Motorhaube waren drei Aluminium-Rösser und etliche Rückspiegel festgemacht. Der Fahrer saß nach vorne gebeugt, das Gesicht nahe der Scheibe, und er hielt nach Passagieren Ausschau. Die Hupe bediente er mit einem Stück Draht, und sie tönte jedes Mal, wenn er diesen Draht gegen die Lenksäule preßte.

Auf der Ablage vor der Windschutzscheibe stand ein Kruzifix aus Plastik, und im Takte der Musik leuchtete ein elektrisches Lämpchen in der Dornenkrone unseres Herrn Jesu auf. "Hands up, Baby, hands up ...."

Nun waren die Straßen Manilas zwar holprig und teils in sehr schlechtem Zustand, aber sie waren doch fast alle betoniert oder asphaltiert und es war keineswegs so, das man sie nur mit geländegängigen Autos befahren konnte. Trotzdem wurde fast der gesamte öffentliche Verkehr der Metropole mit Jeepneys bewältigt. Man war dankbar auf den Philippinen, als die Amerikaner nach dem zweiten Weltkrieg mit anderem schrottreifen Kriegsgerät auch alte Jeeps zurückließen, nicht etwa nur, weil es praktische Autos waren; immerhin waren Jeeps auch symbolträchtiges Spielzeug für philippinische Männer.

Denn auch mit verlängerter Ladefläche und für etwas so harmloses benutzt wie die Personenbeförderung in Friedenszeiten, war ein Jeep dem Wesen nach ein Militärfahrzeug; da fühlte man sich am Steuer doch gleich als Kriegsheld.

Für Toni Gräf war es ein Stück philippinischer Männlichkeitswahn, ineffizient wie das Land überhaupt. Und so ratterte Gräf in einer Kolonne von Hunderten von Jeepneys durch Manila, jeder ausgestattet mit einem überdimensionierten Dieselmotor. Es waren Tausende von verschwendeten Pferdestärken; würde man Busse verwenden, würde ein Fünftel der Leistung ausreichen.

Gräfs Strecke führte zunächst durch Ermita, das Touristenviertel mit seinen unzähligen Bars, Restaurants und Hotels, durchschnitt dann den Rizal Park und streifte Intramuros. Hinter den Befestigungsanlagen der spanischen Konquistadoren lag einer der ruhigsten Stadteile Manilas. Hier herrschte auf engen Straßen kaum Verkehr, und zwischen Kathedrale und Augustiner-Kloster gab es brachliegende Grundstücke, auf denen Bananenpalmen wucherten.

Vor der schönen alten Stadtmauer gab es einen breiten Grünstreifen, "Betreten verboten", denn es war dies, mitten in der Hauptstadt, wo man Kaufhäuser und Läden erwarten würde, ein Sportgelände; nicht für irgendeinen Sport, nein, ausgerechnet für den mit dem größten Landschaftsverbrauch: ein Golfplatz war es, unauffällig waagerecht mit Stacheldraht vor unbefugtem Zutritt geschützt.

Die Kolonne wälzte sich auf der MacArthur-Brücke über den Pasig-Fluß und hinein nach Quiapo. Auf sechs/sieben Spuren ging es auf dem Quezon Boulevard vorbei an der Quiapo-Kirche mit ihrem lehmroten Gemäuer und den zwölf Aposteln, von denen jeder einzeln auf einer Säule stand. Kurz darauf zwängten sich die Jeepneys alle zum Straßenrand, weil es in jedem zwei oder drei Passagiere gab, die aussteigen wollten. Auf dem Bürgersteig drängten sich die Menschenmaßen vor Geschäften, in denen billigste Güter des täglichen Bedarfs verkauft wurden.

Die Häuser auf beiden Seiten des Quezon Boulevard waren nicht sehr hoch und wirkten mit ihren bestenfalls drei oder vier Stockwerken zu klein im Vergleich zum mächtigen Fahrzeugstrom. Auch schienen sie ausgebrannt wie nach einem Luftangriff, mit rußiger Fassade und Fenstern aus Milchglasscheiben, die teils zertrümmert waren.

Dann stockte der Verkehr. Man kam ein paar Meter vorwärts und dann hielt man wieder, und jedesmal, wenn der Jeepney vor ihnen anfuhr, blies es Gräf eine Abgaswolke ins Gesicht. Pfui, es half auch nichts mehr, das Atmen für einen Moment anzuhalten. Gräf stieg aus und legte die letzten hundert Meter zur Recto Avenue zu Fuß zurück.

Die Recto Avenue war eine lange Straße mit einem Betonwall in der Mitte, der etwa eineinhalb Meter hoch war. Gräf kam zunächst an einem guten Dutzend Kinos vorbei, und dazwischen lagen Schuhgeschäfte. Es waren große Kinos für viele Tausend Besucher. Riesige, gemalte Schautafeln gaben in den offenen Foyers Auskunft über das Programm. Sie zeigten die Helden in Kampfszenen, und dann spritzte über die ganze Wand das Blut, oder es war eine Szene aus einem Liebesdrama, und dann flossen blauglänzende Tränen.

Die Maler hatten oft ihre lieben Schwierigkeiten mit den menschlichen Proportionen, besonders bei der Darstellung von Gesichtern. So hing bei einem Helden ein Backenknochen auf Höhe des Unterkiefers, und der nächste hatte unterschiedlich tiefe Augenhöhlen. Die Frauen waren meist sehr vollbusig wiedergegeben, wahre Sexbomben, manchmal aber mit schiefem Mund.

Nach der Kinozeile kam Gräf an einen Tiermarkt. Dort wurden Kücken und Hühner und Tauben und alle Arten von Sing- und Ziervögeln in winzigen Drahtkäfigen feilgeboten. Es gab auch ein paar Kisten mit Kaninchen und ein paar jaulende Hunde an Ketten.

Hunde waren auf den Philippinen eine kulinarische Delikatesse, und wenn sie richtig zubereitet waren, schmeckten sie wie Wild. Nur das Schlachten war kompliziert, denn ein Hund ließ sich nicht einfach wie ein Schwein die Kehle durchschneiden, der wehrte sich und biß. Die gängige Methode war, das Tier in einen Sack einzuschnüren, und dann wurde mit kräftigen Holzknüppeln so lange draufgeschlagen, bis sich in dem Sack nichts mehr rührte. Das dauerte immer seine Weile, denn Hunde hängen zäh am Leben.

Gräf überquerte zwei Seitenstraßen, in denen Diebesgut verscherbelt wurde. Es wurde mitten auf der Straße gehandelt und mancher Hehler trug zehn Uhren am Unterarm, und andere hatten mehrere Kameras um den Hals hängen. Es standen ein paar Polizisten herum, aber sie griffen nicht ins Geschehen ein.

Die nächste Seitenstraße erst war das Ziel Gräfs. Es gab dort ein Haus mit dem Namen Sweet Lodge. Gräf ging eine sehr schmale Treppe hinauf in den ersten Stock, und er kam direkt in einen großen Raum, der mit hellblau bezogenen Plastiksesseln möbliert war. Es gab eine hohe Theke, die als Rezeption diente, und es lief ein Fernsehapparat. Auf der Theke waren Handtücher gestapelt. Ein junger Mann lag in einen der Sessel geflegelt und rauchte eine Zigarette. Als er Gräf bemerkte, sagte er: "Guten Tag, mein Herr, wir haben die besten Mädchen."

"Das wird sich herausstellen," sagte Gräf.

Der junge Mann stand auf. Er war Anfang Zwanzig und er hatte einen unsauberen Haarschnitt und machte offenbar Anstrengungen, einen Oberlippenbart heranzuzüchten. Er hinkte stark. So ging er auf Gräf zu und streckte ihm die Hand entgegen. Es war eine falsche Geste, mit der sich dieser Halbstarke aufspielte. Gräf ließ sich nur widerwillig die Hand schütteln.

An der Wand hinter der Rezeption hing ein Schild, das von Hand beschriftet war. Es tat kund: 1 Stunde = 60 Peso, kein Kredit.

"Hier entlang," sagte der junge Mann.

Gräf folgte dem hinkenden Halbstarken in einen dunklen Gang. An der ersten Tiir hing ein Schild Privat und gegenüber war eine Toilette. Dann kamen sie an eine offenstehende Tür, und Gräf sah ein fülliges Weib auf einem Bett liegen. Sie las Comics und beachtete Gräf und den Hinkenden nicht.

"Die besorgt es ausgezeichnet. Sehr viel Erfahrung," sagte der Hinkende und machte bedeutungsvoll große Augen.

"Ich lege auf Erfahrung keinen Wert," sagte Gräf.

"Macht nichts, macht nichts," sagte der Hinkende, "wir haben noch mehr." Er klopfte an die gegenüberliegende Tür und drückte die Klinke, ohne eine Einladung abzuwarten. Die Tür war von innen veriegelt.

"Die hat Kundschaft," sagte er, zuckte mit den Achseln und versuchte es an der nächsten Tür. Das Mädchen in diesem Zimmer hatte gerade keinen Freier. Sie saß an einem kleinen Tisch und schminkte sich, und als sie sich umdrehte, dachte Gräf, daß die Schminke nötig war. Das Mädchen hatte ein seltsam aufgedunsenes Gesicht, und es lächelte Gräf unwirklich an.

"Nein," sagte er zu dem Hinkenden.

Es wurden Gräf noch mehr Zimmer gezeigt. Sie waren alle fensterlos, von funzeligen Glühbirnen beleuchtet, und hatten teils nur Wände aus Sperrholz.

Die Prostituierten waren teilnahmslos. Bei diesen schmalen Verdienstaussichten war vor Vertragsabschluß keine Freundlichkeit zu erwarten. Die 60 Peso schließlich mußten, obwohl sie schon wenig waren, noch geteilt werden zwischen dem Mädchen und dem Bordellbetreiber.

"Dies ist die letzte," sagte der Hinkende, als sie am Ende des dunklen Ganges angelangt waren. Er klopfte und ein Mädchen machte auf, in gelben Shorts und einer weißen, mit Stickereien verzierten Bluse. Sie war dicklich, mit strammen Schenkeln und ihr Mund war schmollend.

"Huch," sagte sie, als sie Gräf sah, und dann machte sie die Tür wieder zu.

"Nehmen Sie die aus dem ersten Zimmer. Die kann es Ihnen gut besorgen," sagte der Hinkende.

"Ich nehme die," sagte Gräf und machte eine Kopfbewegung auf die Tür, die ihm gerade vor der Nase zugeschlagen worden war.

"Inday," rief der Hinkende, und er klopfte wieder an die Tür. "Inday." Er redete in einem philippinischen Dialekt auf das Mädchen ein. Es dauerte eine kleine Weile und dann machte sie schließlich doch auf und ließ Gräf hinein.

"100 Peso," sagte der Hinkende.

"Das konnte dir so passen," sagte Gräf, und er bezahlte 60. Inday verriegelte die Tür, und Gräf faßte ihr an die Brust.

"Warte," sagte Inday.

Sie strich die rosarote Decke glatt, mit der das Bett bezogen war.

"Setz dich," sagte sie, und Gräf setzte sich auf die Kante des Bettes.

Dann zog Inday sich aus, und sie wandte Gräf dabei den Rücken zu. Sie hatte ein paar Pickel auf dem Arsch, aber was machte das schon.

Ihre Kleidung legte sie sorgfältig über eine Stuhllehne, und sie wickelte sich ein Handtuch um den Körper, bevor sie sich umdrehte und schließlich aufs Bett legte.

"Worauf wartest du noch?" fragte Sie gleich.

Gräf stand auf, und er stieg nun seinerseits aus seinen Kleidungsstücken, die er achtlos auf den Stuhl warf. Als er sich umdrehte, hatte Inday das Handtuch aufgeschlagen. Ihre Brüste waren nicht sehr fest, und sie hatte dichtes, schwarzes Haar an der Scham und darüber war die Haut ihres Bauches hell. Es war warm, als er in sie eindrang, und sein Rücken war kalt vom Decken-Ventilator, und der Schweiß glitschte zwischen ihren Leibern.

Es dauerte nur drei Minuten, und während Inday in einen Plastikkübel urinierte, trocknete Gräf sich den Körper ab. Weil daraufhin nichts mehr zu erledigen war, gab er ihr eine Zehn-Peso-Note Trinkgeld und ging.

"Nicht gut?" fragte der Hinkende, der sich wieder in seinen Sessel vor dem Fernseher geflegelt hatte.

"Gut genug," sagte