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Raymonds Fastfood

Es war später Nachmittag, und es war nicht mehr sengend heiß. Die Sonne stand tief, und es war ein Licht für scharfe Konturen. Cal Dewey und Steffen Mock saßen an einer dieser Fastfood-Buden in der Del Pilar Street, die parallel zum Roxas Boulevard verlief, und von der Manila Bay blies ein leichter Wind. Es war der 21. Mai 1983, der Tag, bevor Mock sich in seinem Hotelzimmer in Manila mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben nahm.

"Mir ist der Lebenssinn abhanden gekommen," sagte Mock. Mock war etwa 35 und Österreicher.

"Hattest du denn einen?" fagte Dewey.

"Einen Lebenssinn vielleicht nicht; aber eine Vorstellung, ein Ziel immerhin, das meinen Lebensmotor antrieb."

"Und was war das?"

"Na ja," sagte Mock, "es hört sich vielleicht albern an; aber es war eine Vorstellung, daß ich es einmal zu genug Geld bringe, um mich richtig ausleben zu können, sexuell hauptsächlich."

"Das ist doch gar nicht so unvernünftig," sagte Dewey, "wenn du es zu genug Geld gebracht hast, kannst du hier in Manila alles haben. Besonders viel Geld brauchst du da nicht einmal."

"Das ist es eben. Seit ich alles haben kann, ist mir die Wunschvorstellung, das Ziel, der Sinn verloren gegangen. Ich brauche keine Hofnung mehr, weil ich alles, worauf ich gehofft habe, hier finde. Aber ohne die Hoffnung fühle ich mich leer."

Es war niedriges Publikum an den Fastfood-Buden. Abgewrackte Nutten hingen herum, und geizige Freier - das war die richtige Kombination. Es gab auch ein paar Prostituierte, die sich eigentlich für etwas anderes hielten, für freigeistige Studentinnen mit internationaler Bekanntschaft, oder für örtliche Mitglieder in der Solidargemeinschaft der Traveller.

Schwule Opas trafen hier ihre Strichjungen. Nebenerwerbshuren taten so, als würden sie nur schnell eine Cola trinken. Die Menschheit ist nur Abfall, ätsch. Hier machte man sich darüber wenigstens keine Illusionen.

Mock sagte: "Die Frage ist: gibt es einen Sinn im Leben oder nicht?

Dewey sagte: "Es gibt keinen, aber man braucht auch keinen."

"Kann man ohne Sinn überhaupt leben?" fragte Mock.

"Schwer - das ist die verlorene Naivität."

"Und was kann man da machen?"

"Man kann sich ja einen Lebenssinn ausdenken."

"Von dem man sowieso weiß, daß es nur Einbildung ist? Das ist nichts für mich," sagte Mock.

"Oder konzentriere deine Wünsche auf Frauen, die nicht so leicht zu haben sind. Dann bist du beschäftigt," empfahl Dewey.

"Bin ich denn ein kleines Kind, dem man etwas zu tun geben muß, damit es Ruhe hält?"

"Ich kann auch keinen Sinn hervorzaubern, wo es keinen gibt," sagte Dewey.

"Und was machst du?" fragte Mock.

"In den Tag hineinleben. Warten bis Bedürfnisse aufkommen."

"Reichlich wenig."

"Mehr kann man nicht machen."

"Wenn das alles ist, kann man sich ja getrost umbringen."

"Tu's wenn du den Mut dazu hast."

"Feig bin ich nicht."

"Ich schon," sagte Dewey, "und du auch."

Mock ging, ohne sich zu verabschieden. Dewey blieb noch eine Weile sitzen, unter diesem miesen Volk an den Fastfood-Buden. Ein Strichjunge, vielleicht 13, machte aufreizende Tanzbewegungen mit seinem kleinen Arsch.

Es standen einfache Tische um die Buden herum. Die meisten wurden von Raymonds Fastfood bewirtschaftet. An einem dieser Tische saß aufrecht ein älterer Herr und trank Limonade. Eine von diesen Weibern, die nicht mehr ganz klar im Kopf waren, eine ganz schlampige in einem langen Rock, machte Anstalten mit dem älteren Herren zu flirten. Sie wollte ihm schöne Augen machen, aber es wurden nur große Augen daraus, und dann zwinkerte sie ihn umständlich an. Als der ältere Herr darauf nicht reagierte, schnitt sie ihm Grimassen.

Der ältere Herr tat, als würde er dies nicht bemerken, und er schaute sehr absichtlich an ihr vorbei. Dieses Verhalten ärgerte sie offenbar, denn jetzt stellte sie sich direkt vor seinen Tisch - sie baute sich förmlich auf und begann zu schimpfen.

Und dann merkte man, daß sie nicht ganz klar im Kopf war. "Ihr glaubt wohl, weil ihr Ausländer seid und Geld habt, könnt ihr euch jedes Verhalten erlauben. Aber da habt ihr euch getäuscht. Denn wir haben auch unseren Nationalstolz. Ihr könnt mit uns nicht machen, was ihr wollt. Wir sind nicht mehr eure Kolonie. Ihr denkt wohl, wir brauchen euch, weil ihr Geld habt. Aber wir brauchen euch nicht. Wir können euch alle des Landes verweisen. Hauptsächlich die Schweine, die nur in unser Land kommen,weil sie uns ficken wollen. Nur deshalb kommt ihr, ihr Schweine. Schweine seid ihr, Schweine."

Nun war der ältere Herr möglicherweise auf der Suche nach einem kleinen sexuellen Abenteuer, aber er war sicherlich kein ProstituiertenSchänder. Und er war ob des Aufsehens um seine Person schon ganz nervös.

So klar war sie also doch noch im Kopf, daß es ein Schwacher war, den sie sich ausgesucht hatte, um auf jemanden mit Worten einzuprügeln.

Ein Starker hätte gesagt, sie solle die Schnauze halten; der ältere Herr aber war verstört, und er sagte: "Es tut mir leid, mein Fräulein."

"Es tut Ihnen leid, es tut Ihnen leid. Tun Sie nicht so scheinheilig. Sie glauben wohl, wenn Sie nett zu mir sind, und wenn Sie mir 500 Peso geben, komme ich mit Ihnen ins Hotel. Nein, nein, mich kriegen Sie nicht."

"Es war nicht meine Absicht," sagte der ältere Herr.

"Es war nicht Ihre Absicht. Es war nicht Ihre Absicht. Warum sind Sie dann überhaupt hierher gekommen? Warum sind Sie überhaupt in Manila? Warum bleiben Sie nicht in ihrem eigenen Land und nehmen sich dort eine Prostituierte? Ihre eigenen Frauen sind Ihnen wohl zu schade. Aber wir sind Ihnen nicht zu schade. Mit uns kann man es ja machen. Wir sind ja nur Dreck. Und Sie sind die Herren, weil Sie Geld haben. Das denken Sie. Aber da haben Sie sich getäuscht. Sie kriegen hier mit Ihrem Geld überhaupt nichts!"

Dann drehte sie sich um zu den anderen Tischen und zu den Fastfood-Buden, wo die anderen alten Nutten saßen, und dann rief sie triumphierend: "Stimmt's? Der alte Sack kann uns mit seinem Geld nicht korrumpieren. Der kann noch so viel auf den Tisch legen, und keine geht mit ihm mit. Wir haben nämlich auch unsere Ehre. Unseren Nationalstolz haben wir."

Mit dieser Behauptung lag dieses erbärmliche Weib aber völlig daneben. Der ältere Herr hätte natürlich jede haben können, die gerade frei war. Hundert Peso für eine von diesen Nutten hätten gelangt, und weitere zweihundert hätte er einkalkulieren müssen, um den Tripper wieder loszuwerden.

Niemand nahm sie ernst. Von Solidarität und von Ehre konnte nicht die Rede sein. Andere Nutten bemühten sich schon, Nutzen aus dem lächerlichen Verhalten ihrer Kollegin zu ziehen. Sie bedeuteten dem älteren Herren mit Handzeichen, daß die, die immer noch vor ihm stand, einen Vogel habe, und sie winkten ihm, er solle sich doch zu ihnen setzen.

Der ältere Herr aber war verstört, und das machte der Verrückten Mut. "Worauf warten Sie noch?" schrie sie ihn an. Machen Sie, daß Sie verschwinden. Sie sind hier unerwünscht. Fahren Sie nach Hause, Sie Schwein."

Dann nahm sie sein Glas Limonade und kippte es auf dem Boden aus. Damit machte sie sich zunächst den Fastfood-Betreiber zum Feind. Denn sie konnte zwar schimpfen, was sie wollte; aber sich an Waren vergreifen, das ging nicht.

Es kam also ein Kellner und der fing an, sie ganz sachte zur Straße zu schieben. Das wollte sie sich aber offenbar nicht gefallen lassen, und sie schimpfte jetzt auf den Kellner ein. "Du bist ein Verräter, du bist mit dem Feind im Bunde. Nur weil es Leute wie dich gibt, können die Fremden uns ausbeuten. Ein Kollaborateur bist du, ein Kollaborateur."

Ein Barangay-Polizist kam dazu, einer dieser Laien-Ordnungshüter, von denen es in jedem Häuserblock ein paar gab. Es war ein kleiner, fetter Kerl um die Vierzig. Im Bewußtsein seiner Autorität wollte er für Ruhe sorgen, und er faßte die Verrückte zunächst am Arm, um sie auf die Straße zu führen. Als sie sich aber wehrte, zerrte er sie einfach an den Haaren weg von den Fastfood-Buden. Die Kolleginnen klatschten.