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Oswald Kroll

Dewey war doch nicht der einzige Gast im Florentine. Es gab da noch einen hageren Deutschen, der, wie Dewey später erfuhr, Oswald Kroll hieß. Sie begegneten sich am nächsten Morgen, als Dewey vom Bad, das im oberen Stockwerk lag, zu seinem Zimmer zurückkehrte. Kroll, der Mitte Zwanzig sein mochte, schlich an der Wand des Hotelganges entlang. Er machte nur kleine Schritte, und er ging gebückt und hatte ein fahles Gesicht. Mit einer Hand glitt er an einer Zierleiste entlang, die in Geländerhöhe an der Wand angebracht war, mit der anderen hielt er sich den Bauch. Kroll war krank.

"Brauchst du Hilfe?" fragte Dewey, als sie eigentlich schon aneinander vorbei waren. Kroll drehte sich langsam zu Dewey um - er drehte nicht einfach den Kopf, nein, den ganzen Körper drehte er Dewey zu. Der Kopf schien steif auf den Schultern zu sitzen.

Kroll schaute Dewey ungläubig an und sagte schließlich mit schwacher Stimme: "Später vielleicht."

Sie stellten sich einander vor und Dewey sagte seine Zimmernummer. "Wenn ich etwas für dich tun kann - du kannst dich an mich wenden."

Es dauerte nur etwa eine dreiviertel Stunde, bis es an Deweys Zimmertür klopfte. Es war ein ganz zaghaftes Klopfen. Dewey rief laut "Herein" und dann wurde ganz sachte die Türe geöffnet. Es war Kroll.

"Komm herein," sagte Dewey. Aber Kroll blieb auf der Schwelle stehen, und er hielt sich den Bauch.

Er sagte: "Du hast mir deine Hilfe angeboten."

Dewey sagte: "Ja, komm herein. Was kann ich für dich tun?"

Kroll kam nicht herein. Er sagte: "Wenn du mir nur diese Tabletten kaufen könntest. Das Gehen strengt mich so an."

Dewey ging ihm zur Türschwelle entgegen, und Kroll überreichte ihm einen Zettel, auf dem mit Arzthandschrift etwas geschrieben stand.

"Schmerztabletten," sagte Kroll, und er gab Dewey eine 20 Peso-Note; "das reicht für fünf Tabletten. Meine Zimmernummer ist 24."

Dewey kaufte die Tabletten und brachte sie Kroll ins Zimmer. Dort war es fürchterlich unaufgeräumt. Auf dem Tisch und auf dem Boden lagen Papiertüten mit Speiseresten herum. Es gab einen Haufen mit schmutziger Wäsche und es war ein säuerlicher Gestank in der Luft.

Dewey gab Kroll die Tabletten, von denen das Stück vier Peso kostete. Kroll, der auf dem Rand des Bettes saß, schluckte eines dieser Dinger, und er trank Wasser aus einem halbvollen Glas, das neben dem Bett auf dem Boden stand.

Dewey rückte einen Stuhl vom Tisch weg, um nicht ständig dieses Abfalllager vor Augen zu haben, und setzte sich. Er fragte: "Kommt hier nie jemand zum Putzen?"

Kroll sagte: "Ja, dreckig hier. Tut mir leid. Zum Putzen kommt hier niemand. Erst wenn man auszieht."

Kroll hatte Bauchkrämpfe, und er verzog das Gesicht. "Oder abkratzt," fügte er noch hinzu, und er brachte die Zähne dabei fast nicht auseinander.

"Dir geht's mies?" fragte Dewey, und er schüttelte dabei kurz den Kopf.

"Du bist aufgeschmissen, wenn du hier krank wirst," sagte Kroll. "Und es ist ein Verbrechen, wenn dir dann noch das Geld ausgeht."

Kroll war nur mit hellblauen Unterhosen bekleidet, und er legte sich jetzt hin und zog die Knie an. Dewey hatte Ausblick auf ein Paar dünne, blondbehaarte Beine. Dazwischen quoll ein lascher Sack aus den Unterhosen, deren Gummibänder ausgeleiert waren.

"Wie lang hängst du hier schon herum?" fragte Dewey.

"Der wievielte ist denn heute?" fragte Kroll.

"Der 25. oder 26. November."

"Seit Mitte Oktober."

"Die ganze Zeit in dieser Bude?"

"Ich hab keine Energie, was anderes zu suchen."

"Kann ich verstehen."

"Drum kümmert's mich auch nicht, wie es hier aussieht."

"Na klar," sagte Dewey.

Eine kurze Weile sagten sie beide nichts. Dann meinte Kroll: "Wenn du krank bist, merkst du erst, wie alles auf deine Gesundheit ankommt. Dann weißt du erst, was wichtig ist im Leben. Die Weiber kommen dann ganz zuletzt."

"Was hast du denn?" fragte Dewey.

"Na ja, Darminfektion," sagte Kroll.

"Typhus?"

"Was weiß ich. Die Ärzte sagen einem ja nichts. Die treiben ja Versteckspielen mit einem. Die wollen nur, daß man nach drei Tagen wieder zu einer Konsultation kommt. Dann können sie eine neue Rechnung schreiben. Wie sich der Patient fühlt, ist denen doch egal. Dem Arzt tut ja nichts weh. Der klopft dir nur auf die Schultern und sagt: Probieren Sie mal dieses Mittel oder jenes, und melden Sie sich in drei Tagen wieder."

"So sind die eben," sagte Dewey.

Kroll sagte: "Ich habe überhaupt den Verdacht, daß die Ärzte dir die wirksamsten Mittel gar nicht verschreiben. Ist doch klar. Der Arzt hat ja nichts davon, wenn du gesund wirst. Der verdient nur an dir, solange du krank bist. Der hat ein ganz hartes Interesse daran, daß es Kranke gibt. Und dann stellt er dir eine unverschämte Rechnung, und wenn du sagst, das sei aber teuer, dann klopft er dir auf die Schulter und sagt: Für die Gesundheit kann einem nichts zu teuer sein. Das ist so ein Satz, der paßt einem Arzt ganz blendend in die Geschäftspolitik."

"Schlimm, wenn man auf sie angewiesen ist," sagte Dewey.

Kroll sagte: "Und mit dem Hotelbesitzer ist es dasselbe. Der will auch nicht, daß ich gesund werde. Der hat Angst, das ich mir ein anderes Hotel suche, sobald ich gesund bin. Oder diese Stadt überhaupt verlasse. Der lebt mit seiner Tochter seit über einem Monat eigentlich nur von mir. Sonst zieht ja niemand hier ein. Du bist eine Ausnahme. Drum will er auf keinen Fall, daß ich gesund werde. Das beste, was diesem Hotelbesitzer passieren konnte, wäre, daß ich eines Morgens tot im Bett liege. Dann könnte er mich in aller Ruhe ausplündern. Wahrscheinlich muß ich noch froh sein, daß er seinem Glück nicht nachhilft."

"Ein übler Vogel," sagte Dewey. "Aber wenn du ihm als Gast so wichtig bist - warum schickt er dann nicht wenigstens hin und wieder jemanden zum Aufräumen?"

"Wen soll er denn zum Aufräumen schicken. Der hat doch niemand."

Kroll hatte wieder einen Bauchkrampf. Es war nicht so schlimm wie vorher. Kroll sagte: "Wenn ich eines gelernt habe, die letzten Wochen, dann das: es hilft dir niemand, wenn du in der Scheiße sitzt. Jeder will nur seinen Vorteil aus deiner Notlage ziehen. Es gibt überhaupt niemanden, der einem hilft."

"Was ist denn mit deinen Eltern?" fragte Dewey.

"Die halten mich sowieso für einen mißratenen Sohn. Mein Vater hat mir versprochen: er redet erst wieder mit mir, wenn ich mein Studium fortsetze. Tiefbau, so ein Käse. Und was meine Mutter gesagt hat, hab ich noch genau im Ohr: Was muß der Bub auch auf die Philippinen. Italien, das könnte man ja noch verstehen. Aber Philippinen. Warum denn nicht gleich zu die Neger."

Über Krolls Eltern wollte sich Dewey nicht äußern. Es herrschte wieder für eine kurze Weile Ruhe. Es war etwa halb zwölf. Dewey sagte: "Gehen wir zusammen zum Essen?"

Kroll überlegte einen Moment. Dann sagte er: "Na ja, in Begleitung wird es gehen. Viel mehr als Reis kann ich allerdings nicht essen. Schonkost."

Kroll stand auf, und er stieg in Jeans, die mächtig an ihm schlotterten, denn er war sehr abgemagert. Er zog sich ein Hemd an, aber er knöpfte es nur halb zu, und er trug es über der Hose. Unter dem Kissen nahm er einen Brustbeutel hervor und er hängte ihn sich um den Hals.

Kroll und Dewey gingen die Treppe hinunter und auf die Straße. Kroll war sehr langsam. Auf der Straße legte er eine Hand auf Deweys Schulter, um sich abzustützen. Mit der anderen Hand hielt er sich den Bauch. Sie aßen in einem Restaurant um die Ecke, das International Restaurant hieß. Es gab trotzdem nur philippinische Küche.

Am nächsten Morgen sah Dewey sich nach einem anständigen Hotel um. Er ging außerdem in einer Apotheke vorbei und kaufte 100 ml Chloroform in einer kleinen, rotbraunen Flasche. Es kostete 18,80 Peso, und ansonsten stellte die Verkäuferin keine Anforderungen oder Fragen an Dewey.

Gegen 10 Uhr ging er zurück in die Florentine Lodge und suchte Oswald Kroll in dessen Zimmer auf. Kroll lag in Unterhosen auf dem Bett und hielt sich den Bauch.

"Ich habe ein besseres Hotel ausfindig gemacht," sagte Dewey.

"Und wie heißt das?" fragte Kroll.

"Mandarin."

"Kenn ich nicht."

"Steinbau. Nicht so muffig wie hier. Große Zimmer."

"Und wie teuer?"

"Wie hier. 60 das Doppelzimmer. Gehört einem Chinesen. Wird geputzt."

"Ziehst du um?"

"Ich schlag vor, wir nehmen zusammen ein Zimmer. Kommt billiger," sagte Dewey.

"Wie lange bleibst du noch in Bacolod?"

"Na ja, zwei Wochen vielleicht. Du brauchst ja auch jemanden, der sich um dich kümmert. Ich kann schon bleiben, bis es dir besser geht."

"Nett von dir, wirklich nett. Es gibt doch noch hilfsbereite Menschen."

"Ist doch klar. Ich war auch schon in Situationen, in denen ich ohne Freund aufgeschmissen gewesen wäre."

"So klar ist das nicht. Wenn du drin hängst in der Scheiße - die meisten lassen dich hängen. So schnell findest du keinen, der dir hilft," sagte Kroll.

"Na ja, solche gibt es natürlich auch. Aber ich finde, wir Ausländer müssen zusammenhalten."

"Das sagst du so daher: wir Ausländer müssen zusammenhalten. Aber wenn du einen Freund brauchst, findest du keinen. Außer dir vielleicht. Du bist da anders - du bist eben noch ein kameradschaftlicher Typ."

"Ist doch eine Selbstverständlichkeit."

Kroll bekam einen Bauchkrampf. Es schien ihm ganz ordentlich die Eingeweide zusammenzuziehen. Er verkniff das Gesicht und dann beugte er sich übers Bett und spuckte eine dünne, säuerliche Brühe in den blauen Plastikeimer, der eigentlich als Papierkorb diente. Vom Kotzen kam der Gestank, der immer um Kroll herum war.

"Ich sehe schon: du brauchst wirklich Pflege," sagte Dewey.

"Mir ist, als ginge ich bald vor die Geier," sagte Kroll.

Dewey überzeugte Kroll, daß es für ihn das beste sei, möglichst bald aus diesem finsteren Loch in der Florentine Lodge auszuziehen. Er ließ sich von Kroll dessen Paß geben, um gleich das Einchecken im Mandarin zu erledigen. Dann holte Devey einen Handkoffer aus seinem Zimmer und ging vor zur Rezeption, um für die zwei Nächte zu bezahlen, die er in diesem Hotel geschlafen hatte.

Die Rezeption war nicht besetzt. Dewey rief ein paar Mal durchs Haus, und dann kam schließlich die Tochter des Besitzers aus der Waschküche hochgekrochen. Dewey konnte aber nicht bei ihr bezahlen. Vielmehr rief nun die Tochter nach ihrem Vater, und der kam nach einiger Zeit durch einen Hintereingang hustend ins Haus.

"Sie verlassen uns schon?" fragte der Besitzer, der wieder nur in Hosen und Unterhemd gekleidet war.

"Ja," sagte Dewey.

"Warum? Gefällt es Ihnen nicht in meinem Haus?"

"Doch, doch, sehr schön. Aber ein Landsmann, der hier in der Stadt wohnt, hat mich eingeladen," entschuldigte sich Dewey.

Das Mandarin war ein schlichter Bau. An der Rezeption saßen zwei chinesische Mädchen. Beide waren nicht hübsch. Dewey gab ihnen Krolls Paß und verlangte das Zimmer, das er am Morgen angeschaut hatte. Er sagte nicht, daß es nicht sein eigener Paß war.

Dewey hatte mit dem Paßbild überhaupt keine Ähnlichkeit. Wahrscheinlich aber sahen für die chinesischen Fräuleins alle Europäer gleich aus, so wie für Europäer alle Schwarzen gleich aussehen. Keine der beiden kam auf die Idee, der Paß könne jemand anderem als Dewey gehören. Sie stellten keine Fragen. Sie trugen die Daten aus dem Paß in ein großes Buch ein und gaben ihn Dewey zurück. Dewey brachte seine Sachen hinauf.

Das Zimmer hatte die Nummer 32 und lag zur Straße. Es war nur mit zwei Betten einem kleinen Tisch und zwei Stühlen möbliert. Es gab keine Bilder an den Wänden, und der Boden war nur aus Zement. Es war nicht wohnlich, aber es roch nach nichts, und es gab auch keine Ritzen, in denen Kakerlaken hausten. Es hatte ein eigenes Bad mit einem WC. Zwar gab es keine richtige Dusche, sondern nur einen hohen Wasserhahn, es lief nur kaltes Wasser, und das Klo hatte keine Brille; aber dieses Badezimmer war gekachelt, und es gab einen richtigen Abfluß im Boden. Für 60 Peso konnte man wirklich zufrieden sein.

Dewey packte ein paar Sachen aus seinem Koffer und ging dann zu Kroll ins Florentine zurück. Kroll lag dort immer noch auf dem Bett. Er hatte noch nichts gepackt. Es war zuviel Anstrengung für ihn. Dewey gab Kroll den Paß zurück. Dann stopfte er Krolls Zeug in eine Reisetasche. Kein einziges Wäschestück war sauber.

"Mußt du noch bezahlen?" fragte Dewey.

"Die letzten vier Nächte. Wenn du hier nach einer Woche nicht bezahlst, wirft der Besitzer dich raus. So ein mieses Hotel ist das," sagte Kroll. Sie gingen zur Rezeption hinunter, und es dauerte wieder eine Weile, bis der Besitzer auftauchte.

"Gefällt es Ihnen plötzlich nicht mehr bei mir?" fragte er mißtrauisch Kroll.

"Er kommt mit zu meinem Landsmann," sagte Dewey. "Mein Freund braucht Pflege - das sehen Sie ja wohl."

"Sie habe ich nicht gefragt," sagte der Hotelbesitzer zu Dewey.

Im Mandarin sparten sie sich einen Aufenthalt an der Rezeption. Sie gingen gleich ins Zimmer hoch, und die chinesischen Fräuleins wunderten sich, wie schlecht der Gast ausah, den Dewey, den sie für Kroll hielten, mitbrachte.