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Nach Toledo

Die MV Gold Love kam nach 21 Stunden Fahrt am Montag, dem 5. September 1983, um 11 Uhr vormittags in Tacloban an. Im Hafen lag silbergrau ein Kriegsschiff. Das Anlegen war schwierig, und der Kapitän schrie wieder wie ein Verrückter seine Anweisungen durchs Megaphon.

Das Schiff war noch nicht festgemacht, da wurde es schon von den Gepäckträgern geentert. Die Männer hatten grüne T-Shirts an, und sie kletterten die Planken hoch. Sie verlangten für ihre Dienste unverschämte Preise, und so waren es Opfer, nicht Kunden, nach denen sie Ausschau hielten.

Von der Pier zum Bus-Terminal waren es nur etwa hundert Meter und Dewey und Jarek gingen an den Lagerhallen vorbei, aus denen es ranzig nach Kopra stank, und Kinder riefen ihnen "Hey, Joe" nach. Tacloban machte einen wüsten Eindruck. Der Markt, der neben dem Bus-Terminal lag, war teilweise abgebrannt. Verkohlte Balken ragten in die Luft und Schutt hatte sich angehäuft.

Jarek und Dewey zwängten sich in einen kleinen Bus, der schon überfüllt war. Auf den Dachträger wurden zwei Schweine geladen. Sie waren nur etwa 50 Kilo schwer, aber es war trotzdem nicht leicht. Den Schweinen waren die Beine gefesselt, und die dummen Viecher quiekten, als ginge es jetzt schon um ihr Leben. Die Schweine wurden von zwei Männern gehoben, und vom Dachträger zogen zwei andere Männer, an den Beinen, an den Ohren, oder was immer sie zu fassen bekamen.

Als der Bus endlich losfuhr, mußten auch ein paar Männer mit Plätzen auf dem Dachträger vorlieb nehmen, und Jugendliche und Kinder standen im Mittelgang, und ein paar Männer fuhren auf der hinteren Stoßstange mit und mußten sich an der Karosserie festklammern. So ging es munter auf kurvenreicher Strecke die Küste entlang; der Mann am Lenkrad fuhr, was die Maschine hergab und immer, wenn es nach einem Hügel leicht bergab ging, kamen sie auf ein beachtliches Tempo.

Viele Flüsse mündeten ins Meer, und sie fuhren über weiße Zementbrücken. Kokoswälder zogen sich die Küste entlang, und dazwischen standen vereinzelt Bambushütten, und nackte Kinder rannten herum. Der Mann am Steuer verringerte das Tempo auch nicht, wenn sie durch kleine Ortschaften oder durch Städte fuhren, denn es war eine wichtige Hauptstraße, auf der sie sich bewegten.

Immer aber, wenn jemand an die Decke klopfte, zum Zeichen, daß er oder sie aussteigen wollte (und das konnte auf freier Strecke sein), wurde scharf gebremst. Dann mußten sich die Passagiere auf dem Dach und auf der hinteren Stoßstange besonders gut festhalten, und die verschnürten Schweine kreischten.

Nach einer halben Sunde Fahrt aber ereignete sich ein unangenehmer Zwischenfall. Es war in einer dieser kleinen Ortschaften, die nur aus ein paar Häusern bestanden, die entlang der Straße aufgereiht waren. Dort gab es, zunächst ohne ersichtlichen Grund, eine Vollbremsung, und der Fahrer riß das Lenkrad herum, Menschen schrien auf, und es tat einen hohlen Schlag von unten gegen das Chassis, und dann kam der Bus zum Stehen.

Es herrschte sofort hellste Aufregung, und die Passagiere drängten sich aus dem kleinen Bus und liefen nach hinten. Es war ein wildes Durcheinander von Stimmen.

Zwei Männer waren vom Dachträger gepurzelt, aber es war ihnen nicht besonders viel passiert. Beide waren schon wieder aufgestanden. Der eine hatte zwar eine Platzwunde am Kopf und er hatte sich offenbar einen Fuß verstaucht, der andere hielt sich wehleidig eine Schulter, aber sie hatten doch beide noch Glück gehabt und sich nicht den Hals gebrochen.

Schuld an dem Unglück war ein kleines Mädchen gewesen, das unachtsam auf die Straße gerannt war. Es lag etwa zwanzig Meter hinter dem Bus mitten auf der Straße, und zarte Blutspuren rannen aus den Ohren, der Nase und den Mundwinkeln. So lag es da, regungslos, und ein Bein war seltsam umgeknickt, wie bei Stoffpuppen, deren Gelenke nur Nähte sind.

Menschen standen um das Kind herum, und dann kam zwischen den Hütten ganz hysterisch die Mutter des kleinen Mädchens hervorgerannt. Sie heulte und warf die Arme gen Himmel und heulte und raufte sich die Haare. Sie beugte sich über ihr Töchterchen und schüttelte es an einer Schulter. Dann warf sie wieder die Arme gen Himmel und schrie und heulte. Sie beugte sich nochmals über das Kind, rief es bei Namen und warf die Arme gen Himmel, aber da war wohl Schluß. War es eine Katastrophe? Nein, es war ein alltäglicher Vorfall.

Dies ereignete sich täglich, stündlich. Viel schlimmere, tragischere Tode, Massentode von zehntausendfachem Umfang waren in dieser Welt längst nichts Außergewöhnliches. Der Tod des Kindes war ein banales Ereignis. Tragisch, ja, schon. So ist es nun mal.

Zeichnete es den Kulturmenschen aus, um die Grausamkeit der Welt zu wissen, aber diese Grausamkeit nicht sehen zu wollen? Sich nur betroffen zu fühlen von Ereignissen, die sich unmittelbar vor den eigenen Augen abspielten, und von allem Fernen nicht schockiert werden zu können?

Spielt sich das Unheil vor den eigenen Augen ab, kommt man nicht umhin, betroffen zu sein - vom schnellen Unfalltod eines einzigen Kindes mehr als vom tausendfachen qualvollen Verhungern von Kindern auf anderen Kontinenten. Doch wen das tausendfache Verhungern von Kindern auf anderen Kontinenten nicht rührt, bei dem ist das Betroffensein über den tödlichen Unfall eines Kindes vor den eigenen Augen doch nur Ausdruck von Heuchelei - und einem Mangel an Vorstellungskraft. Doch wen der tausendfache fremde, ferne Tod nicht rührt, der hat das Recht nicht, sich über den einzelnen fremden, nahen Tod zu bekümmern.

Was sollte man sich also um den Tod dieses Mädchens aufhalten? Jarek fand es ärgerlich, daß ausgerechnet ihrem Bus dies zustoßen mußte. Er war schon den ganzen Tag ungeduldig, denn er liebte seine Frau, wie er Dewey versicherte.

Sie stiegen um in einen Jeepney, und der war noch fürchterlicher überladen als der Bus es gewesen war, aber er fuhr nicht so rasant, und er stoppte noch öfter, um Passagiere ein- oder aussteigen zu lassen. Es ging nicht mehr so munter vorwärts aber es dauerte trotzdem nur noch 20 Minuten und dann erreichten sie Toledo.

Jarek und Dewey stiegen schon am Ortsanfang aus, gleich nach einer großen Brücke. Von hier aus waren es noch 200 Meter auf einem Feldweg bis zu Jareks Besitz. Und dann waren sie also da - auf Jareks Land. Es waren rund vier Hektar direkt am Sorsogon-Fluß, und sie unterschieden sich deutlich vom umliegenden Gelände. Jareks Land war eingezäunt, und es war kultiviert, und angrenzend war es nur Kokoswald und Bananenhain.

Jareks Frau hieß Cinda und war ein nettes Kindchen. Sie war gerade 17, und vor zwei Jahren, als Jarek sie geheiratet hatte war sie 15 gewesen. Das war auf den Philippinen erst seit jüngerer Zeit ein ungewöhnliches Heiratsalter. Wie sonst sollte man auf 20 Kinder oder mehr kommen? Und überhaupt: das Gesetz erlaubte eine Hochzeit auch, wenn die Braut erst 13 war, und angesichts dessen war es fast schon Selbstgenügsamkeit gewesen, daß Jarek sich ein 15jähriges Mädchen ausgesucht hatte.

Cinda war also die Frau Jareks, und sie hatte eine Schwester namens Linda. Linda war vier Jahre älter und eine wahre Ausgeburt von Fleiß. Sie organisierte den Haushalt, und da gehörte die ganze Gärtnerei dazu.

Rosita, die Mutter, war eine frohe Figur. Ihre Lieblingsbeschäftigungen waren Tratsch und Schlaf, und sie erzählte jedem, der es wissen wollte, daß sie im Leben ihre Schuldigkeit weitgehend getan habe. Sie hatte fünf Kinder in die Welt gesetzt und eines davon gut verheiratet, und sie hatte leidlich ihren Ehemann versorgt, der allerdings vor ein paar Jahren von seinen Saufkumpanen eschlagen worden war.

Die Kerle liefen noch frei herum, aber was sollte man machen. Damals, als sich diese unglückselige Sache zugetragen hatte, war noch keine der Töchter wohlhabend verheiratet gewesen, und da man selbst mittellos war, eine Witwe mit fünf Kindern, war die Polizei nicht dazu zu bewegen gewesen, langwierig zu ermitteln.

Ein Haufen Kinder rannte herum, nicht nur Cindas Geschwister, sondern auch etliche kleine Cousins und Cousinen, doch während sich das Grundstück von der umliegenden Gegend unterschied, waren die Kinder genauso halbnackt wie vor dem Zaun.

Einer von den Angestellten hatte, als Dewey und Jarek ankamen, gerade eine Mittelohrentzündung, ein Bursche um die Zwanzig, und er hielt die ganze Zeit den Kopf schief, so als müsse der Eiter frei auslaufen können.

Zwei Hunde gab es, witzige Promenadenmischungen, die Miro und Sarah hießen, und die freuten sich nun wirklich, daß Jarek zurück war. Miro war ein breiter Köter mit kurzen Beinen, und der wackelte nicht nur mit dem Schwanz, der wackelte gleich mit dem ganzen Hinterteil; es stand zu erwarten, daß er jeden Moment das Gleichgewicht verlieren würde. Sarah war etwas weniger unförmig, und sie hopste beständig an Jarek hoch und war nicht abzuwehren.

Jarek hatte wegen seines bäuerlichen Kleinbetriebes enormen Besitzerstolz, und er ließ es sich nicht nehmen, Dewey herumzuführen, noch bevor er seinem Gast ein Bad gönnte. Es war alles ganz nett, die Tomaten und Bohnen waren gepflegt, die jungen Jackfruit- und Mangobäumchen sahen gesund aus, die Erdnüsse wuchsen prächtig, und überhaupt: man gab sich offenbar alle Mühe.

Die Lage des Grundstückes war auch nicht schlecht, so direkt am Sorsogon, der hier über 100 Meter breit war, und von der Mündung ins Meer nur rund drei Kilometer entfernt. Auch hatte die umgebende Landschaft durchaus ihren Reiz. Es erhoben sich hohe Berge im Landesinneren, und es mochten bis zu den ersten Anhöhen nur etwa zehn Kilometer sein. Nicht weit entfernt gab es steile Felswände, und die Gipfel der Berge lagen in den Wolken.

Jarek hatte Geschenke zu verteilen, das war der Tribut des Patriarchen an seine Untertanen, und er mußte von Manila erzählen, wobei er das Wichtigste wegließ. Er erwähnte auch diesen kleinen Unfall mit dem Bus, kurz vor Toledo, und die Geschichte rührte hauptsächlich Rosita. Sie hatte doch ein gutes Herz, die Mutter der kleinen Cinda. Ihr war der Tod eines Kindes ja Gott sei Dank erspart geblieben, aber sie konnte mitfühlen, denn schließlich hatte sie ja ihren Ehemann auf ebenfalls unglückliche Weise ganz plötzlich verloren.

Das Mittagessen war nur eine bescheidene Mahlzeit, denn Jarek und Dewey waren unangemeldet gekommen. Es wurde aber noch an diesem Nachmittag eine junge Sau geschlachtet. Dabei ging es recht urtümlich zu. Das Tier wurde auf einen Tisch gefesselt, und weil es so fürchterlich schrie und so gar nicht sterben wollte, klemmte man ihm ein Stück Holz ins Maul.

Dann wurde mit einem scharfen Messer die Kehle aufgeschnitten. Es dauert aber ziemlich lange, bis so ein Tier verblutet, und um dem langen Zucken ein Ende zu machen, stieß man das lange Messer durch die Luftröhre in die Lunge.

Es war natürlich Glückssache, ob man das Herz traf oder nicht, denn niemand wußte, wo denn das Herz genau sitzt, bei einem Schwein. Vielleicht stocherte man also nur in der Lunge herum. Jedendfalls floß das Blut stärker aus der Kehle, wenn man das Messer zurückzog, und so konnte man sich in dem guten Glauben wiegen, den Todeskampf des Tieres verkürzt zu haben.

Cinda übrigens, das sensible Kindchen, konnte das alles nicht mit ansehen, im Gegensatz zu ein paar kleinen Kindern, die um den Schlachttisch herumstanden und vor Neugierde ganz große Augen hatten. Cinda, die Heuchlerin, aß aber trotzdem mit, als am Abend das Fleisch auf den Tisch kam. Es war wirklich köstlich zubereitet, und Dewey mußte Linda ein ganz offenes Kompliment machen. So gut hatte er auf den Philippinen selten gegessen.

So klang denn dieser schöne Tag aus in einer Völlerei, und Dewey rauchte gleich mehrere Zigaretten, und dann gingen sie zu Bett, und Jarek durfte den Beweis erbracht haben, daß er Cinda wirklich liebte.