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Linda

Dewey verbrachte eine geruhsame Zeit auf Jareks Land. Er gewöhnte sich an das sorglose Leben, das Jarek, der Tyrann, führte. Verpflichtungen gab es nicht, für Dewey nicht, und nicht einmal für Jarek. Die Arbeit in den Gärten organisierte Linda, und Jarek und Dewey hatten sich nur um ihren Zeitvertreib zu kümmern.

Jarek verbrachte viel Zeit auf dem Tennisplatz, und Dewey begleitete ihn eine Zeitlang. Dewey ließ sich zu ein paar Versuchen in diesem Sport überreden, aber da er als Anfänger eine unglückliche Figur machte, verlor er bald den Spaß daran.

Bessere Erfolge erzielte Dewey auf den kleinen Jagdausflügen, die er zusammen mit Jarek unternahm. Dann streiften sie, mit Luftgewehren bewaffnet, durch die umliegenden Kokoswälder und sie schossen auf Vögel und anderes Kleingetier.

Linda wußte ihre Beute gut herzurichten, aber es war ja fast nichts dran an den Vögeln, und so war es nur der Sport und nicht die Nahrungsmittelbeschaffung, was den Sinn dieser kleinen Jagdausflüge ergab.

Die meiste Zeit waren Jarek und Dewey zusammen, denn Cinda ging vormittags und nachmittags zur Schule, und Rosita tratschte mit Nachbarn oder Besuchern, und alle anderen hatten zu arbeiten.

Es lebten eigentlich nur Jarek, Cinda und Dewey im Wohlstand, während die Mahlzeiten der weiteren Familienmitglieder und Angestellten eher bescheiden waren. Dies war so, obwohl erfolgreich gewirtschaftet wurde und durchaus Überschüsse erzielt wurden, die eine bessere Verpflegung aller zugelassen hätten. Aber es mußte ja ein Mehrwert übrig bleiben, den Jarek in Manila verprassen konnte, um, wie er selbst es ausdrückte, seine Liebe zu Cinda aufzufrischen.

Dewey hatte nicht den Eindruck, daß sich die Leute auf Jareks Land ausgebeutet fühlten. Es waren bescheidene Menschen, und sie waren mit Mahlzeiten aus Reis und Gemüse offensichtlich zufrieden. Dennoch war Jarek manchmal beunruhigt, denn in einem Land, das nicht sein Land war, war er Herrscher über Leute, die nicht sein Volk waren, und seine einzige Legitimation war es, daß er die junge Cinda geehelicht und Geld besessen hatte.

"Ja, so ist es," sagte Jarek in einem traurigen Moment, "und eines Tages schlagen sie mich tot. Vorher aber muß das Leben noch genossen werden."

So widmeten sich denn Jarek und Dewey dem Müßiggang und Zeitvertreib, und sie ließen sich gute Mahlzeiten auftischen und von den älteren Kindern den Rücken massieren, legten sich in gemachte Betten und wurden erst zum Frühstück geweckt.

Jarek derweil legte eifrig Geld zurück für seinen nächsten Ausflug nach Manila. Dewey seinerseits brachte zunehmend Verständnis auf für diese Eigenheit Jareks. Auch ihn verfolgte, nachdem er sich für ein paar Wochen ausgeruht hatte, zunehmend die eigene Geilheit.

Einen Ausflug nach Manila schloß er für sich allerdings aus. Nun gab es zwar auch in Toledo Prostituierte. Man konnte sie in den schmuddeligen kleinen Restaurants am Markt finden, wo sie mit den Fahrern der Jeepneys und den Lastträgern schäkerten. Doch dort zog es ihn nicht hin, einerseits, weil es in dieser Kleinstadt zuviel Aufsehen erregt hätte, andererseits, weil er sich nicht unter die gewöhnlichen Freier mischen wollte.

Als Objekt seiner Begierde ergab sich ganz plötzlich eine Person, die sich während der ganzen vergangenen Wochen in seiner Nähe aufgehalten hatte, die ihm aber als sexuelles Wesen gar nicht bewußt geworden war, weil er sie in den Besitzkreis Jareks eingeordnet hatte. Dieses Wesen war Linda.

Es war am Morgen des 9. Okober 1983, einem Sonntag, als Dewey die Begehrlichkeit Lindas in ihrer ganzen Fülle, ihre siegreiche Unwiderstehlichkeit, wie eine Offenbarung klar geworden war. Es war ein leuchtender Morgen mit einer tiefen Bläue des Himmels, und von Toledo her klang das Orgelspiel der Kirche bis zu Jareks Land.

Linda pflege die Blumen vor dem Haus. Sie schnitt welkende Äste von den Buschrosen und lockerte mit einer kleinen Schaufel die Erde. Sie riß Unkraut aus dem Boden und warf es auf einen kleinen Haufen.

Dewey stand am Geländer der Veranda. Er war eben vom Bad zurückgekommen, und er hielt in der Hand ein Glas Kaffee, der schon lauwarm war, weil er vor einer ganzen Weile gebrüht worden war.

"Guten Morgen, Linda," sagte Cal von der Veranda hinunter.

Linda drehte sich zu ihm um, und sie strich sich mit dem Unterarm die Haare aus der Stirn. Die Sonne schien ihr ins Gesicht, und sie kniff beim Lachen die Augen zusammen.

"Guten Morgen, Cal," sagte sie.

"So fleißig schon am Morgen?"

Linda trug einen wadenlangen Rock aus festgewebtem, braunen Stoff und ein grünes T-Shirt.

"Es muß wohl sein," sagte sie. Linda war kaum größer als ihre um vier Jahre jüngere Schwester, aber sie war von fraulicher Figur. Sie hatte ein weich geschwungenes Becken und schmale, runde Schultern.

"Dann laß dich nicht stören," sagte Cal.

Linda nahm ihre Arbeit wieder auf, lockerte Erde, jätete Unkraut und brach welkende Zweige. Wie es ihre Tätigkeit erforderte, saß sie manchmal in der Hocke, und es war dann der Saum ihres Rockes in den Schoß gefaltet und verbarg den Blick auf ihre Unterwäsche.

Manchmal aber beugte sie nur den Oberkörper, um etwas vom Boden aufzuheben oder ein einzelnes Kraut auszurupfen, und dann leuchtete ihr wundervoller Hintern, vom abgewetzten Stoff ihres Rockes straff umhüllt, im Sonnenschein.

Heih, dieser Hintern war ein freudiger Anblick.

"Linda, sehr hübsch siehst du wieder aus," rief er ihr zu und schnalzte mit der Zunge.

"Wie?" rief sie erstaunt, und sie drehte sich nur kurz um und schüttelte den Kopf.

Es war ruhig an diesem Sonntagvormittag auf Jareks Land. Rosita war mit den Kindern in der Kirche, und Jarek und Cinda waren schon zum Tennisplatz gegangen, bevor Dewey überhaupt aufgestanden war. Es war sonntägliche Ruhe und ein leuchtendblauer Himmel.

Cal ging zu Linda hinunter und sagte: "Ich helf dir ein bißchen."

"Im Garten?" fragte Linda, die Resolute, ganz überrascht.

"Du meinst wohl, ich sei zu ungeschickt?" sagte Cal.

Da hatte Linda die Fassung schon wieder gefunden, und sie sagte: "Du kannst ja die welken Zweige abbrechen, da brauchst du dich wenigstens nicht zu bücken."

So brach nun also Cal welke Zweige aus den Buschrosen, und Linda machte sich mit doppeltem Eifer ans Unkrautjäten. Sie ging jetzt gar nicht mehr in die Hocke, sondern beugte sich nur noch vornüber, lockerte den Boden und riß Unkraut aus. Cal arbeitete neben ihr, gefesselt vom Reiz ihres Hinterteils, betört vom Geruch ihres Achselschweisses. Cal zupfte ein paar unschöne Blätter aus einem Rosenstrauch, und er kratzte sich, halb absichtlich, halb wirklich aus Ungeschicklichkeit, den Handrücken auf.

"Au, ich bin ungeschickt," sagte er.

Linda lachte ihn an und sagte: "Die Rosen haben Dornen."

"Und du, hast du auch Dornen," fragte Cal.

"Ich? Warum?"

"Weil du eine Rose bist."

"Huch," sagte sie erschrocken. Dies war deutlich gewesen, und Cal erschrak selbst darüber. Er schaute sich um, aber sie waren allein. Nur eine glucksende Henne mit ihren piepsenden Kücken strich umher. Von der Kirche her waren christliche Gesänge zu hören.

"Machst du mir noch einen Kaffee?" fragte Cal, um der Situation die Spannung zu nehmen.

"Hm," sagte Linda dankbar, und sie ging sofort zur Küche.

"Ich bin auf der Veranda," sagte Cal. Linda kam nach ein paar Minuten mit einem großen Glas Kaffee, und sie brachte auf einer Untertasse ein Stück Bananenkuchen mit.

Dewey trat an sie heran, als sie Glas und Tellerchen auf dem Tisch abstellte, und er legte seinen Arm um ihre Schultern und sagte aus purer Verlegenheit: "Und du, hast du dir keinen Kaffee mitgebracht?"

Linda drehte sich aus Deweys verkappter Umarmung heraus, und sie sagte: "Das geht nicht."

"Warum nicht?" fragte Cal.

"Na ja, weil es eben nicht geht."

"Hast du einen Freund?"

"Um Gottes Willen, nein," sagte Linda.

"Du gefällst mir gut," sagte Cal.

"Das glaub ich dir nicht."

"Du kannst es mir aber glauben."

"Es kommen Leute," sagte Linda.

Tatsächlich waren Stimmen zu hören. Jarek und Cinda kamen vom Tennisplatz zurück.

"Warte," sagte Cal.

"Warum?" fragte Linda.

Sie wandte sich zum Gehen. In diesem Moment erschien Jarek auf der Veranda. Es lag eine Spannung in der Luft, die Jarek sofort spürte. Oder war es nur, daß Cal und Linda verlegen schauten und gerade jetzt nichts redeten?

"Cal und Linda - ihr werdet doch nicht ein Paar werden?"

Cinda kam hinzu. Jareks Äußerung hatte sie draußen mitgehört. Sie wiederholte, was er gesagt hatte, allerdings mit einer kleinen Umformung: "Cal und Linda werden ein Paar," sagte sie vorlaut.

Cal und Linda war es peinlich, denn bis jetzt war noch gar nichts ausgemacht. Cinda aber lachte herzlich und sagte mir höhnischem Unterton: "Das ging aber plötzlich bei euch. Ich gratuliere auch schön." Von diesem Zeitpunkt an wäre nur noch ein Dementi eine Überraschung gewesen.