This is the only piece I have written in my native language, German, in the past three decades.

By Serge Kreutz

Bei all dem Schrecken, bei all dem Unheil, bei aller Trauer, welche die AIDS-Seuche zum Ende des 20. Jahrhunderts der Menschheit beschert hat, erscheint es geradezu zynisch, ihr etwas Positives abgewinnen zu wollen.

Und dennoch!

Dabei geht es nicht um Vulgäres, wie Spekulationen darüber, daß die Natur ihr biologisches Gleichgewicht herstellt und den Erfolg der Art homo sapiens bremst. Chauvinistische gedankliche Dimensionen unter der Überschrift Biologisches Gleichgewicht entpuppen sich, werden sie auf die Menschheit angewendet, als mechanistische Weltanschauung, die ihren Platz gerechterweise schon im 19. Jahrhundert auf dem Müllplatz der Geschichte gefunden hat.

Die Generation der Eltern: unförmige Körper, banale Interessen. Die Alten öden sich an, streiten sich um Lapalien, im Bett läuft schon lange nichts mehr; mit der Lebensauffassung sind die Alten ganz schön hinterm Mond.

Und der junge Mensch sagt sich: nein danke, bloß das nicht. Lieber bis 30 richtig gelebt, und dann den Löffel abgeben – als die trostlos langweilige Existenz der Eltern.

Ob die jungen Menschen nun Hippies werden oder Skinheads, Rocker oder rauschgiftsüchtig, Aussteiger oder Bandenmitglied, ist nur eine Frage des jeweils vorherrschenden Trends. Aber Action soll sein, das ist mal klar. Nur nicht diese langweilige Trostlosigkeit, in der die Generation der Eltern vor sich hinlebt, diese scheinheile Welt.

Mehr Sex oder mehr Gewalt wird gesucht, auf jeden Fall mehr Action.

Die Generation der Eltern ist sich der Verachtung meist gar nicht bewußt, die ihnen aus der Generation der heranwachsenden Kinder entgegenweht. Deshalb können die Eltern protestierender Jugendlicher blabbern, was sie wollen. Solange die Lebensführung der Eltern so trostlos ist, daß Sohn und Tochter alles wollen, nur das nicht, solange hat die ganze verbale Rationalität der elterlichen Argumentation (wenn sie denn tatsächlich vorhanden sein sollte) keine Überzeugungskraft. “So wie ihr lebt, nein danke, auf keinen Fall.”

Lieber mit 30 im Grab, aber bis dahin das Leben genossen. Die Jungen wissen: man muß nicht alt werden; und vielleicht ist es besser, man macht früher den Abgang; hauptsächlich dann, wenn das, was nachkommt, von der Art ist, wie es die Eltern vorleben.

Aus der Sicht der Jungen sind meist nicht nur die Oma und ihre Nachbarn im Altersheim senil, sondern auch schon die Eltern und ihre gleichaltrige Bekanntschaft. Und auf beide trifft gleichermaßen zu, daß die Senilen, auch in der Generation der Eltern, es nicht merken, daß sie es schon sind.

Den Jungen ist klar: man muß nicht alt werden. Lieber ein früher Tod, und bis dahin richtig gelebt.

Deshalb sind junge Männer mutiger als Männer über 50, obwohl die Rationalität das Gegenteil gebieten würde. Denn ein Mann mit 50 hat normalerweise weniger zu verlieren, in Jahren gerechnet, als ein Mann mit 20. Der eine setzt das Tatterdasein des Greisenalters aufs Spiel, der andere die Blüte des vollen Mannesalters.

Ist es da nicht schon ein Zeichen der Senilität, wenn ein Mann im Alter von über 50 Angst hat vor dem Heldentot?

Ist die Aussicht auf den Heldentot nicht die Chance zum würdigsten Abschluß eines Lebens überhaupt? Eines Lebens, das für den Feigling, oder auch einfach nur den, dem sich diese einzigartige Gelegenheit nicht bietet, ohnehin nur entweder in Banalität oder in Siechtum endet?

Man muß nicht alt werden – es ist damit nichts gewonnen. Die Frage ist: muß man überhaupt leben?

Wenn es eine Religion gibt, die dem Menschen des 21. Jahrhunderts darauf eine Antwort gibt, eine Religion, die nicht in Ausflüchten besteht, eine Religion, die dem wissenschaftlichen Denken, oder dem Kenntnisstand der Menschheit zu Beginn des 21. Jahrhunderts in jeder Weise standhält, dann ist dies der Buddhismus. Er ist so viel vernünftiger als jede andere Religion.

Denn zu Beginn des 21. Jahrhunderts wissen wir so viel, daß es für die Annahme eines allmächtigen Gottes keinen, aber auch gar keinen Anhaltspunkte gibt.

Wo soll er sitzen, der allmächtige Gott? Oben oder unten, in der unendlichen Ferne des Kosmos, oder, auf Quantenebene, in allem Seienden? So oder so sind die Grenzen des Erklärlichen so weit gefaßt, daß sich schwer vorstellen läßt, daß der unendlich weit entfernte allmächtige Gott sich mit den sogenannten Zehn Geboten, oder durch eine geschichtlich bestimmbare Menschwerdung, oder durch das Verfassen moralischer Traktate wie der Bibel in das Zusammenleben der Erdenbürger einmischt.

Um auf die Frage, weshalb man lebt, ob man leben soll, oder wie man leben soll, aus archaischen Lehren wie den nichtbuddhistischen, von der Existenz eines oder mehrerer allmächtiger Götter auszugehen, muß man ganz schön blind sein.

Man kann sich in die Argumentation flüchten, daß trotz Weltraumforschung, trotz Molekularbiologie, trotz der Physik der Elementarteilchen, trotz wissenschaftlicher Modelle des Kosmos, trotz Evolutionsbiologie… daß trotz der gesamten wissenschaftlichen Erkenntnis, die empirisch gesichert ist und die noch nicht eingetretene Ereignisse korrekt prognostizieren kann, ohne die Unbekannte eines allmächtigen Gottes, der angeblich den Weltlauf nach seinen Launen gestalten könnte (und dies, gemäß den theistischen Religionen auch immer wieder tut)… man kann sich in die Argumentation flüchten, daß trotz allem die Nichtexistenz des allmächtigen Gottes nicht bewiesen werden könne.

Na und?

Jeglicher Relevanz hat der allmächtige Gott zu dem Zeitpunkt eingebüßt, da er im Lebensablauf des Menschen, im Prozeß der menschlichen Geschichte keine nachvollziehbare Rolle spielt.

Und wie reagieren moderne Christen – solche, die noch nicht ganz und gar betriebsblind sind? Sie abstrahieren ihre Gottvorstellung, weg vom traditionellen Bildnis des alten Mannes mit weißem Bart, und hin zu einer undefinierten Kraft des Guten, die alles Seiende durchdringt.

Aber in einer solchen Philosophie haben Bibel und die Rituale des Gottesdienstes und des Gebets, haben Institutionen wie Kirche und “Vater unser…” und “Amen” keine Daseinsberechtigung, da sie willkürlich auch durch alle möglichen anderen Rituale und Institutionen ersetzt werden könnten.

Sicherlich ist es nett, wenn christliche Menschen für sich die Entscheidung treffen, für die Durchsetzung des Guten zu leben – und wenn ihnen der christliche Glauben dabei irgendwie behilflich ist, haben insbesondere diejenigen, die vom neuen christlichen Streben zur Durchsetzung des Guten in irgendeiner Weise profitieren, gegen die ideologische Grundlage dieser Weltverbesserei nichts einzuwenden. Die Leichen, die in Zeiten, als die christlichen Zielsetzungen noch etwas anders waren, auf dem Schlachtfeld der Geschichte zurückgeblieben sind, hat niemand gezählt.

Die einzige Weltreligion, die in ihrem innersten Kern von aller wissenschaftlichen Erkenntnis nicht im Geringsten betroffen wurde, ist der Buddhismus. Denn diese Religion lehrt von keinem Gotte, weder allmächtig oder nur ein biß’l mächtig. Gott oder Götter interessieren den Buddhismus nicht. (Aber bitteschön: wer an Gott oder Götter glauben will, der kann dies gerne tun… eine Konzession derer, welche die Lehre verstanden haben, ans einfache Volk, dem man trotzdem etwas Weisheit beibringen wollte.)

Der Buddhismus propagiert keinen Glauben (und ist deshalb vielleicht auch als Religion gar nicht richtig in die Geistesgeschichte eingeordnet), sondern eine schlichte Erkenntnis:

Das Leben ist in allererster Linie Kummer und Leid. Wir können uns anstrengen, so viel wir wollen, im Leben werden wir dem Leid nicht entrinnen. Kummer, Schmerz, Trauer, Enttäuschung… all das Negative wird uns schlußendlich einholen und uns stets und immer wieder eine Niederlage bereiten. Das vernünftigste ist deshalb, sich in das Leben allzusehr nicht zu involvieren.

Wozu nach materiellen Dingen streben, wenn wir schlußendlich doch alles verlieren? Wozu sinnlicher Freude nachgehen, wenn uns die Trennung von der sinnlichen Freude schlußendlich doch nur so viel Kummer bereitet, daß wir sie lieber nicht erlebt hätten? Wozu nach Glück im Leben streben, wenn uns die Vorstellung vom unausweichlichen Tot dann doch nur umso schmerzlicher trifft. Da ist es besser, allen Freuden außer einer zu entsagen: der so einfach formulierten, aber doch so schwer nachvollziehbaren Erkenntnis der Welt… im Buddhismus Erleuchtung genannt.

Sicherlich, der Populär-Buddhismus ist genauso vollgestopft mit gedanklichem Schnickschnack wie der Katholizismus und andere christliche Konfessionen. Aber in einem unterscheiden sich die beiden Lehren ganz entscheidend. Und das ist, im innersten Kern.

Der innerste Kern von Christentum und anderen monotheistischen Religionen ist der allmächtige Gott; der innerste Kern des Buddhismus ist, daß alles Leben doch nur in der Niederlage endet.

In der Nachkriegszeit kam auf die ersten Kampagnen der Gesundheitsfanatiker gegen das Rauchen das folgende Bonmot auf: Siehst Du die Gräber dort im Tal. Das sind die Raucher von Reval. Und darauf die Antwort: Siehst Du die Gräber andrerorten. Das sind die Raucher anderer Sorten.

Die endgültige Niederlage im Leben, der unvermeidbare Tod, der uns von allem trennt, was uns lieb ist… sie ist so oder so unvermeidlich. Wer nicht an AIDS stirbt, der stirbt am Lungenkrebs oder am Herzinfarkt, oder nach einem Schlaganfall oder beim Autounfall, oder bei einem atomaren GAU, oder beim Brand eines Kaufhauses, oder ersäuft in der Badewanne, oder wird von Erbschleichern mit dem Hammer erschlagen, oder, oder…

Eine Eigentümlichkeit des AIDS-Bewußtseins der 90er Jahre ist, daß viele Menschen zu denken scheinen: Wer AIDS hat, muß sterben. Wer immer nur mit Pariser fickt, darf am Leben bleiben.

Sicherlich ist das gut für die Volkswirtschaft. Denn Bürger, die an AIDS sterben, kosten die Gemeinschaft sehr viel mehr als diejenigen, die mit einem Herzinfarkt aus den Pantoffeln kippen.

Aber so zu tun, als sei der Stempel “positiv” auf einem HIV-Laborbescheid ein Todesurteil und ein Stempel “negativ” eine Lizenz zum ewigen Leben, ist schlichtweg Volksverdummung. Was den Menschen fehlt, ist nicht eine Propaganda, die sie, weil HIV-negativ, darin bestätigt, in den Tag hineinzuleben als gehe das Leben ewig weiter, sondern etwas mehr Bewußtsein dessen, daß, HIV-positiv oder HIV-negativ, jedes Menschen Todesstunde in Kürze schlägt.

Es ist interessant zu beobachten, wie HIV-positive Leute, wenn sie den anfänglichen Schock des Todesurteils überwunden haben, ihren Lebensstil ändern. Ob sie nun in allen Ecken der Welt herumvögeln, oder ob sie jede Minute mit ihren Kindern genießen… wenn sie sich nicht gerade frenetisch mit der Option befassen, doch noch geheilt zu werden, trifft man auf eine Geisteshaltung, die sich dadurch auszeichnet, aus dem Leben, der kurzen Zeit, die davon noch bleibt, herauszuholen, was noch herauszuholen ist.

Verbürgt ist der Fall des unter dem Namen Doc bekannten deutschen Arztes, der, nachdem er HIV-positiv diagnostiziert wurde, in Deutschland alle Zelte abbrach, nach Pattaya übersiedelte, und (“nach mir die Sintflut”) fickte, was ihm zwischen die Lende kam – natürlich ohne Gummianzug. Wieviele zuvor HIV-negative Prostituierte er dabei ansteckte, und wieviel Freier sich angesteckt haben, als sie in seiner Soße herumstocherten, wird sich niemals aufklären lassen.

Ebenso wird im Dunklen bleiben, wieviel Typen seiner Sorte nach dem selben Rezept lebten oder leben.

Doch da stellt sich berechtigterweise die Frage: warum machen es Menschen von einem positiven HIV-Test abhängig, bevor sie der Sau, die in ihnen steckt, freien Lauf lassen?

Was hat ein Mensch mit 55 noch zu verlieren? Er kann sich mit AIDS anstecken, und dann lebt er vielleicht nicht mehr lang genug, um seinen 65. Geburtstag zu feiern.

Doch ist ihm das tragisch, kann es ihm tragisch sein? Mit 55 kommt nicht mehr viel nach, und mit jedem gelebten Tag sinkt die statistische Wahrscheinlichkeit, daß er auch den nächsten noch erlebt? Ist es nicht ein Anachronismus, daß nicht mehr “freie Radikale”, Leute ab 55, oder vielleicht Leute ab 50, durch die Welt schwirren und sich schamlos nehmen, was sie im Leben noch genießen wollen, bevor auch sie ganz klanglos ins Gras beißen?

Doch wenn das der Fall ist, hätten sie nicht schon zehn Jahre früher zu “freien Radikalen”, zu Hazardeuren der Kopulation, zu Vandalen ohne Rücksicht auf AIDS und Herpes, werden sollen.

Oder leiden sie nur an einem Mangel an Information? Wissen Ehefrauen, die sexuell frustriert ihre Goldene Hochzeit feiern, die bei der Rein-Raus-Methode ihres amateurhaften Ehemannes noch nie einen Orgasmus erlebt haben, vielleicht gar nicht, daß sie auf Bali für ‘nen Fuffziger von einem knackarschigen 20jährigen Gigolo eine ganze Nacht lang die Möse ausgeschleckt kriegen, auf daß ihnen das Herze frohlocket.

Da reicht die Hälfte des Geldes, das man aus dem Verkauf des trauten Familienheims rausschlagen kann, für Jahre.

Natürlich: nur aus einer nihilistischen, moralisch verwerflichen Grundhaltung heraus, kann ein Mensch im Alter, oder jenseits der Midlife Crisis, zum “freien Radikalen” werden.

Womit er zur tickenden Zeitbombe, zum Suizid-Attentäter auf Zeit wird.

Deshalb dient die AIDS-Beratung weltweit nicht in erster Linie den HIV-Infizierten, sondern der nicht, noch-nicht infizierten Gesellschaft. Die Infizierten, bei denen die Gefahr durchaus besteht, daß sie in einem sexuellen Endspurt, wohl wahrlich einem Amoklauf, zur allgemeinen Gefahr werden, werden zur Mäßigung ermahnt.

Wer nichts mehr zu verlieren hat, oder nur wenig zu verlieren hat, dem ist mit Strafe nicht mehr zu drohen. Wer weiß, daß er (oder sie) es sowieso nur noch zwei, drei Jahre macht, der ist mit der Androhung lebenslänglicher Haft, ja, sogar mit der Androhung einer schmerzlosen Exekution, schwerlich davon abzuhalten, sich noch zu holen, wovon er/sie ein Leben lang heimlich beim Wixen geträumt hat – daß er/sie die dunkelsten, gemeinsten, brutalsten, perversesten, abscheulichsten Phantasien doch noch versucht, wenigstens ein einziges Mal in die Tat umzusetzen.

Die ganz spezifische Gefahr der AIDS-Seuche: gerade diejenigen obskuren Typen, die sowieso an ihrer Geilheit leiden, gerade diejenigen sind es, bei denen die Wahrscheinlichkeit am größten ist, daß sie sich über kurz oder lang auch mit AIDS angesteckt haben.

Wäre es so, daß von der AIDS-Seuche hauptsächlich Menschen betroffen würden, die sich nicht lange genug in der Sonne aufhalten, oder Leute, bei denen der sexuelle Hormonspiegel zu stark gesunken ist, würde von den Todgeweihten die Gefahr einer erschreckenden Zunahme an Sexualstraftaten nicht ausgehen.

Aber ausgerechnet der Teil der Bevölkerung (mit Ausnahme der Hämophilen und der Drogensüchtigen, die sich den Stoff intravenös verabreichen), der ohnehin schon vom Sexualtrieb angepeitscht ist, ausgerechnet dieser Teil der Gesellschaft steckt sich mit dem AIDS-Virus an.

“Freie Radikale” nicht nur mit 55, sondern auch mit 45, 35 oder 25. Jungfrauenverführer, Kinderficker, Prostituiertenmörder.

Sadisten, nicht nur weil sie die vom Marquis beschriebenen Sexualpraktiken bevorzugen, sondern auch, weil sie seiner Weltanschauung folgen.

“Freie Radikale!” Aber man muß nicht mit dem AIDS-Virus angesteckt sein, um sich ohnehin als Todgeweihter/Todgeweihte zu benehmen. Die Überlebenschancen auch derjenigen, die nicht mit dem AIDS-Virus angesteckt sind, die Überlebenschancen aller Menschen, die gegenwärtig leben, die Überlebenschancen aller Menschen, die jemals leben werden, sind null Prozent.

Was macht es schon, angesichts der definitiven Endlichkeit der Erde und des Sonnessystems, oder, so man will, des unvermeidlichen Wärmetods des Universums (sobald es die Einheitstemperatur erreicht hat) für einen Unterschied, ob Heilkunst oder Wissenschaft dem Menschen eine Lebensdauer von 100 Jahren, oder irgendwann von 1000 Jahren, bescheren wird. Das individuelle Leben des einzelnen Menschen ist, bleibt und wird immer sein: eine Episode, deren Bedeutungslosigkeit, schier unendlich ist.

10.000 Jahre Menschheitsgeschichte, von der Steinzeit ins Industriezeitalter, gerade mal 200 Jahre Wissenschaft. Wo stehen wir in einer Menschheitsentwicklung, die vielleicht einige zehntausend Jahre dauern wird. Selbst in der Erinnerung künftiger Menschengeschlechter wird die Jetztzeit der Vergessenheit, dem Nichts, anheimfallen.

Und da kämpfen wir uns ab, mit Vorstellungen, uns in die Zukunft herüber zu retten, indem wir ein Lebenswerk vor Augen haben, oder indem wir Nachwuchs zeugen – oder mittels welcher frommen Illusion auch immer.

Sicherlich! Man muß nicht mit dem AIDS-Virus infiziert sein, um sich selbst als Todgeweihten zu wissen. Man muß nicht buddhistisch meditieren, um sich der eigenen Bedeutungslosigkeit bewußt zu werden.

Aber es hilft.

Und keineswegs muß man sich als “freier Radikaler” als eine rein destruktive Kraft empfinden, deren eigener Lustgewinn, gemäß der de-Sade’schen Gleichung, immer mit Schmerz und Leid für das Lustobjekt verbunden sein muß.

Als “freier Radikaler” für nichts anderes mehr zu leben als die Momente äußerster Lust, die sich wie Perlen an einer Kette aneinanderreihen, läßt sich auch unter der sich selbst gestellten Maxime der Zärtlichkeit – unter der Zielsetzung, durch die Welt zu tingeln und Liebesbeziehung nach Liebesbeziehung zu knüpfen, das Leben, und nicht nur Zigaretten, in vollen Zügen zu genießen.

Nur: um nach dieser Maxime zu leben, braucht es den praktischen Verstand. Denn wer als Runzelbirne noch zum sexuellen Genuß, hauptsächlich zum kurzzeitigen und vielseitigen, kommen will, der oder die muß, als Mitteleuropäer, in der Lage, und gewillt, sein, die wirtschaftliche Macht auch einzusetzen, über die er oder sie des glücklichen Umstandes wegen, in Mitteleuropa geboren zu sein, von selbst verfügt.

Als Botschafter des Lustgewinns in Ländern der Dritten Welt herumziehen, mit jungen Mädchen oder strammen Buben im afrikanischen Busch zu kopulieren, als Gast im Iglu eines Eskimos die Ehefrau des Gastgebers zu vögeln, in Hinterindien eine zwölfjährige Lustsklavin zu erwerben, oder in Belutschistan einem Vater für 10,000 Rupien die verschleierte Tochter abzukaufen. Sich als Frau mit arabischen, mexikanischen oder indonesischen Bubenschwänzen zu vergnügen und Ade zu sagen zu mitteleuropäischen Schlappschwänzen – all das sind Optionen, die nicht nur abhängen davon, ob man über die richtige Geisteshaltung und ausreichend moralischen Nihilismus verfügt, sondern auch davon, ob man Eigentümer der für einen solchen Lebensstil notwendigen finanziellen Mittel ist.

Und vorausgesetzt, die andere Gesellschaft ist arm genug, damit der eigene Reichtum dem sexuellen Abenteurer einen Wettbewerbsvorteil verschafft, der groß genug ist, um sich über die eigenen physischen und ästhetischen Mängel, und, dank Mobilität, über die Schranken gesellschaftlicher Konventionen, hinwegzusetzen.

Ein Ausbeutungsverhältnis ist es ohnehin, ob man als “freier Radikaler” oder “freie Radikale” nun geschlechtlichen Praktiken anhängt, die den gekauften Partner unmittelbar schmerzen, oder ob man es vielmehr genießt, den gekauften Menschen mit Liebesversprechungen und praktischer Zärtlichkeit in den siebten Himmel zu wiegen, nur, um dann, als “freier Radikaler”, irgendwann doch radikal die eigene Freiheit zu demonstrieren und zur nächsten Station weiterzuziehen – und dem gekauften Partner, insbesondere, wenn es sich um eine Frau aus der Dritten Welt handelt, einen umso tieferen Fall zu bereiten.

In leichter Lektüre zu einem tiefgreifenden Thema berichtete die deutsche Zeitschrift FOCUS (31. Januar 1994), der Buddhismus entwickle sich “in Deutschland zur Trendreligion.”

Weiter heißt es in dem Blatt: “Der Buddha-Boom entspringt einer geistigen Stimmung des Abendlandes: Das Christentum ist für viele unglaubwürdig geworden; der Atheismus wiederum läßt den Menschen seelisch unbehaust… Ohne Gott oder Götter kommt er aus; er besitzt ein eher psychologisch und philosophisch ausgerichtetes Gedankengebäude…” Dazu in einem Kasten die Erklärung: “Die Buddhisten beten nicht zu Göttern. Auch Buddha Siddhartha Gautama (um 560-480 v. Ch.) wird nicht als Gott, sondern als Religionsstifter und Weltweiser verehrt.”

Doch der FOCUS-Artikel über Buddhismus erregte die Aufmerksamkeit des Autors dieses Essays nicht wegen Erklärungen zum Buddhismus, sondern im Zusammenhang mit einigen Interview-Aussagen deutscher Buddhisten.

In dem Bericht ist davon die Rede, “Meditationen, bei denen der eigene Tod imaginiert wird”, seien auf buddhistischen Wochenendseminaren in Deutschland ein regelmäßiger Programmpunkt.

Und dazu wird die buddhistische Nonne Carola Roloff, 35, mit dem Hinweis zitiert, sie halte “die Sterbemeditation bei Anfängern für viel zu gefährlich.” Die Nonne wörtlich: “Einige sind danach in der Psychiatrie gelandet.”

Einerseits mag man anhand dieses Zitats darüber sinnieren, wie seicht das intellektuelle Niveau der Leute doch sein muß. Denn da scheint bei vielen Erwachsenen ganz offensichtlich das Gehirn nicht weit genug entwickelt zu sein, um ein mehr oder weniger dauerhaftes Bewußtsein darüber aufrechtzuerhalten, daß dieses mein Leben in nicht allzuferner Zeit unwiderruflich enden wird – ohnehin die wichtigste Erkenntnis, zu der das menschliche Hirn in der Lage ist – und selbstverständlich betrifft diese Erkenntnis AIDS-Kranke und AIDS-Gesunde genau gleichermaßen.

Andererseits kann man, auch aus buddhistischer Tradition, nur den Kopf schütteln, wenn vor Sterbemeditation gewarnt wird, da zu viel Erkenntnis die Leute in die Klapsmühle bringe. Denn die Erkenntnis von der Vergänglichkeit dieses meines Lebens ist von zentraler Bedeutung für Erkenntnis im buddhistischen Sinne ganz allgemein. Der Buddhismus lehrt die Abkehr von den gängigen Werten dieses meines Lebens, vom Streben nach materiellem Reichtum (“mitnehmen kannst Du eh nichts”), sowie von allen Sinnesfreuden (“führen nur dazu, daß Du Dich angesichts der Erkenntnis Deines Hinscheidens selbst bemitleidest”).

Ein gehöriges Maß an Bewußtsein des unmittelbar bevorstehenden eigenen Todes, AIDS oder kein AIDS, ist die Grundlage jeder ernstzunehmenden Weltanschauung – und die Grundlage aller einigermaßen ernstzunehmenden Entscheidungen eines einzelnen Menschen darüber, wie er oder sie das eigene Leben gestaltet.

Psychisch hilfsbedürftig sind eigentlich nicht diejenigen, die sich des unmittelbar bevorstehenden eigenen Todes, auch wenn er ihnen bombastisch erscheint, bewußt sind – sondern diejenigen, die schon zappelig werden, wenn man das Thema “Tod” zur Sprache bringt, und die sich durchs Leben nur hindurchmogeln können, indem sie jeden Gedanken an den eigenen Tod aus ihrem Alltag strikt verbannen.

Aber viele Menschen, die noch nicht zum Buddhismus bekehrt sind, haben offensichtlich zumindest Kenntnis davon, daß diese Religion ihnen Antworten im Angesicht des unwiderruflichen eigenen Todes gibt – denn wie sonst wäre der Erfolg eines buddhistischen Buches zu erklären, von dem die Nachrichtenagentur Reuter (Bangkok Post vom 15. Februar 1993) berichtete:

“A Tibetan Buddhist known as the ‘Laughing Lama’ is taking America and Europe by storm with a manual on death…”

“From San Francisco to New York, London and Paris, people are lining up to hear the author of The Tibetan Book of Living and Dying explain how facing up to death enhances life. ‘We could die tomorrow or tonight. When you live with that kind of realisation it helps to live more truly,’ he says.”

“The 425-page book caps 20 years of teaching for Rinpoche and completes Tibet’s most famous scriptures, The Tibetan Book of the Dead, whose insight into life and death has fascinated Western readers since it was translated into English in 1927…”

Der Schriftsteller Jean Améry beschrieb in seinem bei Klett-Cotta verlegten Buch Hand an sich legen – Diskurs über den Freitod (einem herausragenden literarischen Werk des 20. Jahrhunderts), eine Übung, derer er sich selbst gerne unterzog: “Ich stehe oft auf dem Balkon eines sechszehnten Stockwerkes, steige dabei übers Gitter (erfreulicherweise bin ich vollkommen schwindelfrei), halte meinen Körper, den nur noch die Linke an die Eisenbarre klammert, weit hinaus ins Leere und starre in die Tiefe. Ich brauche nur loszulassen…”

Es ist beruhigend zu wissen, daß man nicht nur eines Tages sterben muß, sondern daß man eines Tages sterben darf – und in einer keineswegs unerwürdigen Weise von eigener Hand, sofern man dies für angebracht hält.

Denn ganz im Einverständnis mit buddhistischer Lehre muß festgestellt werden, daß das Glückspotential des individuellen Lebens reichlich begrenzt ist, wohingegen das Leidenspotential schier unerschöpflich erscheint.

Besonders heimtückisch ist dabei, daß es gerade der Medizinbetrieb (der uns in fortgeschrittenem Alter noch ein paar Jährchen schenken soll) ist, der potentiell jedem, der geruhsam und vorsichtig durchs Leben geht (auf daß ihm Schreckliches nicht widerfahren kann) Leid in fast nicht vorstellbarer Dimension beschert.

Man stelle sich, nur eine Möglichkeit, vor, man liege auf dem Operationstisch eines modernen Klinikums, um sich einer Herz-Bypass-Operation zu unterziehen. Bevor nun die Chirurgen das Skalpell zücken, um den Brustkorb aufzuschneiden, bekommt man die übliche Mixtur an Anästhetika verabreicht: ein Mittelchen, um das Bewußtsein lahmzulegen, ein Mittelchen um das Schmerzempfinden zu unterbrechen, und Kurare (oder gleichartiges), um die Muskulatur zu erschlaffen – beatmet wird daraufhin per Schlauch.

Man stelle sich vor (und man stelle es sich intensiv vor), dem Anästhesiten unterlaufe nur ein kleiner Fehler: der Spiegel des Medikamentes, mit dem das Bewußtsein betäubt wird, wird nicht auf einem Level gehalten, der notwendig ist, um den Patienten tatsächlich im schützenden Tiefschlaf zu halten.

Und ein weiterer kleiner Fehler: das Mittelchen, mit dem von vorneherein das Schmerzempfinden ausgeschlossen wird, ist ebenfalls nicht ausreichend dosiert.

Kurare dagegen wird in ausreichender Menge verabreicht. Da liegt man nun also auf dem Operationstisch! Kein Glied, kein Muskel läßt sich bewegen. Aber man bekommt alles mit.

Der erste Schnitt mit dem Skalpell. Ein stechender Schmerz!

Halt, um Gottes Willen: Halt! Ich bin nicht betäubt. Ich kriege alles mit. Halt, bitte, bitte, Halt!

Doch keinen Ton bekommt man über die Lippen, mit keiner Wimper kann man zucken. Panik bricht aus.

Da, der nächste Schnitt! Ein stechender Schmerz. Die unflätige Äußerung eines Chirurgen: “Eigentlich würde es sich gar nicht rentieren, diesen Fettwanst zu operieren. Mehr als ein Jahr macht der es ohnehin nicht mehr.”

“Aufhören! Aufhören!” schreit der Patient auf dem Operationstisch. Aber leider nur in Gedanken. Kein Ton dringt über seine Lippen.

Der Chefchirurg baggert mit ein paar Banalitäten die nette neue Operationshilfe an. Macht, um die sterile Atmosphäre im OP etwas anzuheitern, ein paar satirische Anmerkungen zum Schlachtvieh auf dem Operationstisch.

“Aufhören, aufhören!” schreit das Tier auf dem Operationstisch. “Ich bin ein Mensch! Ich bin bei Bewußtsein! Hört mich denn niemand.”

Nein, niemand hört ihn. Stunden, die nicht vergehen wollen, eine Ewigkeit der scheußlichsten Schmerzen.

“Sterben, bite, bitte, Sterben!” jammert ungehört der Patient. “Nicht einen Augenblick länger leben müssen. Die Erlösung, bitte, bitte, Sterben! Nur eines: Sterben.”

Doch die Maschinen zur künstlichen Beatmung funktionieren reibungslos, und das Kurare lähmt jeden Muskel. Die Gummihände der Chirurgen wühlen im Brustkorb, bohren sich unters Herz und zwischen Adern, es wird geschnitten und geschnipselt, genäht und verschweißt. Wundschmerz in der tausendfachen Potenz.

Hilflos, bewegungslos, in Panik ohne äußere Merkmale liegt der Patient auf dem Operationstisch. Der Körper betäubt, das Bewußtsein hellwach, das Schmerzempfinden ins Unendliche gesteigert.

Der totale Horror!

Wie häufig, oder wie selten, das passiert, spielt keine Rolle. Gewiß ist die Kurpfuscherei der Götter in Weiß nicht der Normalfall.

Aber das obige Szenario ist nicht bloße Hypothese, sondern ein dokumentierter Fall.

Berichtete die Nachrichtenagentur Reuter (Bangkok Post vom 5. August 1994): “A man who remained conscious during a seven-hour heart bypass operation was on Wednesday awarded compensation of £9,000 ($13,820).”

“Norman Dalton, 55, received the money from the Royal Infirmary in Leeds, northern England, where he underwent the operation in 1990.”

“He said: ‘I tried somehow to signal that I was not properly sedated, but I was quite powerless and absolutely terrified. I could feel every cut and saw the doctors made.’ Dalton said he was unable to return to his work as an electrician because he was now petrified of any power tool whose sound or vibration reminded him of the operating table.”

Daß Norman Dalton nach dem Horror der Herz-Bypass-Operation bei vollem Bewußtsein noch den Nerv hatte, das Krankenhaus zu verklagen, ist wahrscheinlich ein Sonderfall (weshalb sich entsprechende Nachrichten auch nur selten in den Medien finden). Wie dem Autor dieses Essays von einem gut befreundeten Arzt versichert wurde, landen Chirurgie-Patienten, bei denen ein Kunstfehler wie der oben beschriebene vorfällt, in der Regel sang- und klanglos in der Psychiatrie.

Und da soll sich noch jemand darüber wundern, daß Ärzte (mit mehr Überblick über das Werkeln ihres Berufsstandes) die schlechtesten Patienten abgeben. Die wollen einfach nicht.

Im Mittelalter und im Altertum, als der Tod den Menschen als Ereignis noch näher war, weil er sich, bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von vielleicht 30 Jahren, früher und weniger natürlich vollzog als heute, war der Tod an sich den Rechtssystemen zu gewöhnlich, um allein schon als schwere Bestrafung angesehen zu werden.

Als ultimative Bestrafung wurde deshalb nicht der Tod allein, sondern ein möglichst qualvolles Sterben verordnet. Die Menschen wurden bei lebendigem Leib verbrannt, langsam stranguliert, gekreuzigt, von Ackergäulen gevierteilt, bei Ebbe an Pfähle gebunden und der Flut anheimgegeben, in Ameisenhäufen eingebraben, gesteinigt, gerädert, an den Füßen aufgehängt, Krokodilen zum Fraße vorgeworfen, in Kerker eingemauert, um sie dort verdursten zu lassen, langsam, über Tage hinweg, zu Tode gefoltert.

Als schier unerschöpflich erwies sich der menschliche Erfindungsgeist, wenn es darum ging, seinesgleichen einen qualvollen Tod zu bereiten – in den Gesellschaften Wilder gerade so wie in den frühen Hochburgen der Zivilisation.

Ein früher Tod, ein natürlicher Tod als Folge einer schweren Erkrankung, war allemal ein gnädiges Schicksal.

Nicht, daß die Zeiten der Marter entgültig vorüber seien. Nicht nur gemetzelt, sondern auch gefoltert, wird nach wie vor. Und die Methoden haben sich, wenn überhaupt, noch weiter verfeinert (was nichts anderes heißt als: sie sind noch brutaler geworden). Ob in Südamerika politische Gefangene in Badewannen voller Scheiße eingetaucht werden, nicht nur um sie der Panik des potentiellen Erstickungstodes auszusetzen, sondern um sie zusätzlich noch zu degradieren; ob Angehörige einer anderen Ethnizität mit Elektroschocks malträtiert werden, nichts an irgendwelchen Gliedmaßen, sondern, wo sonst, an den Geschlechtsteilen; oder ob in kriegerischen Konflikten angeblichen Agenten der Gegenseite die vielseitigsten “Medikamente” injiziert werden, um den Puls auf 350 zu treiben, oder mittels Psychopharmaka Horror-Halluzinationen herbeizuführen, welche die Geständnisfähigkeit fördern sollen.

Wie schon bei den Moskauer Schauprozessen in den 30er Jahren der Weltöffentlichkeit vorgeführt wurde, können Menschen, kann eigentlich jeder, dazu gebracht werden, alles “zuzugeben”, auch wenn es die eigenen Kinder ans Messer liefert.

Scheinbar ist es gängige Praxis bei den etwas besser ausgerüsteten Geheimdiensten der Welt, Agenten mit Selbstmord-Pillen für den Fall auszurüsten, daß sie der Gegenseite in die Finger, das heißt: in die Folterstuben, geraten – Zyankali im hohlen Zahl, oder noch besser: das Selbstmordgift zirkuliert schon im Blutkreislauf und wird aktiv, sobald einmal nicht zur täglich vorgeschriebenen Zeit, ein Gegenmittel geschluckt wird.

So oder so: der Tod, um dem sicheren Leid zu entgehen, dem Horror total, der so viel schwerer wiegen würde als einfach nur das Sterben.

Nur: wie gefeit ist der Rest der Menschheit, wie gefeit sind diejenigen, die nicht die Folterknechte Idi Amins oder Pol Pots zu fürchten einen realistischen Anlaß haben? Wie gefeit sind diejenigen, die nicht im Dienste eines Geheimdienstes stehen, sind diejenigen, die selbst in Ländern Südamerikas kein Risiko eingehen, als Oppositionelle gefoltert zu werden, weil sie sich aus aller Politik heraushalten?

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis irgendwelche Verrückten die Wasserversorgung einer deutschen Kleinstadt mit einem Liter LSD vergiften, um sich an den reihenweise ausflippenden Normalbürgern zu erfreuen. Zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort, und auch als Normalbürger ist man dem Risiko ausgesetzt, unter einem einstürzenden Hotel begraben zu werden, oder in einem Flugzeug zu sitzen, in dessen Außenwand es mitten im Fluge ein Loch reißt, durch das es die Insassen in die kühle Luft saugt, die zehn Kilometer über Meereshöhe weht.

Qualvolles Ersticken, bei lebendigem Leib zerfetzt zu werden, leidvolles Sterben nach einer Vergiftung, bei lebendigem Leib zu verbrennen, unsagbare Schmerzen, die erst nach Stunden zum Tod führen, der dann nur noch als Erlösung aufgefaßt werden kann – das alles gibt es ja nicht nur als Folge menschlicher Foltermethoden – das alles passiert ja auch, ganz undramatisch, als Unfall.

Ein Ozean menschlichen Leids, und dazwischen, mit der Landmasse eines durchschnittlichen Atolls, ein paar Inselchen des Glücks.

Besteht da nicht zureichend Anlaß, den individuellen Tod, das eigene Verschwinden aus der Welt des Seins, das Eintauchen in das Nichts, als einen potentiellen Glücksfall aufzufassen? Denn irgendwann fegt der Ozean menschlichen Leids, in einem plötzlich aufkommenden Taifun, noch über jedes tropische Atoll des Glücks hinweg.

Mit einem leidenden Tier haben wir Mitleid und geben ihm, als Schuß ins Herz oder als Injektion, den Gnadentod.

Und keineswegs ist es so, daß wir für das Tier den Tod nur dann als Gnade empfinden, wenn es an einer Krankheit oder Verletzung leidet, sondern auch, wenn wir zu dem Ergebnis kommen, daß für selbiges Tier das Leben nur Pein und Leid bereitet.

Für eine Schindmähre, die von ihrem Besitzer gepeitscht wird, um tagtäglich einen viel zu schweren Karren durch den Schlamm zu ziehen, empfinden wir einen schnellen Tod als Gnade.

Ebenso für einen Bären oder einen Löwen, die in engen Käfigen gehalten werden, um sie zur Volksbelustigung auszustellen.

Mit Hühnern, die in Legebatterien gehalten werden, haben wir Mitleid, solange sie weiterleben müssen, und nicht, wenn ihnen der Hals abgeschnitten wird. Denn wir wissen, daß ihnen das irdische Dasein keine artgerechte Erfüllung, kein Glück bringen kann. Getötet zu werden, ist für sie eine Gnade – wir wissen es aus der menschlichen Perspektive, von oben herab, auch wenn eine Legehenne genauso am Leben hängen mag wie die Schindmähre oder der eingesperrte Löwe… oder der leidende Mensch.

Die Perspektive, von oben herab, die Perspektive des Bewußtseins, daß für den anderen der Tod eine Gnade wäre, gibt es auch von Mensch zu Mensch. Wir wissen, daß für den römischen Galeerensklaven ein früher Herzinfarkt dem täglichen Gepeitschtwerden, dem irgendwann zu Tode Gepeitschtwerden, dem Ertrinken, angekettet an die Ruderbank, der Vorzug zu geben gewesen wäre.

Solange wir gesund sind, wissen wir, daß ein früher Tod vorzuziehen wäre dem Leid und Siechtum vieler Krankheiten.

Wozu leben, wenn man vom Hals abwärts gelähmt ist. Aus den USA ist der Fall eines jungen Mädchens bekannt, das so weitgehend gelähmt war, daß es gerade noch die Augen, nichts anderes mehr, bewegen konnte. Dabei war es stets und ständig bei vollem Bewußtsein. Das Mädchen wurde durch permanente künstliche Beatmung am Leben gehalten, bis die Eltern nach langwierigem Weg durch die Rechtsinstanzen erreichen konnten, daß die lebenserhaltenden Maschinen schließlich doch abgestellt wurden.

Das einzige Land der Welt, das den Menschen den frühen Tod erlaubt, wenn erkennbar ist, daß für den Rest des Lebens nur noch Leid und Siechtum zu erwarten ist, sind die Niederlande.

Wie sich in den Niederlanden ein Freitod unter ärztlicher Hilfe vollzieht, beschrieb der STERN (14. Mai 1992): “Der Doktor gab der Greisin ein barbiturathaltiges Schlafmittel zu trinken und injizierte ihr etwas gegen Brechreiz. Dann ließ er sie mit ihren beiden Töchtern allein. Während die Frauen ihr die Hände streichelten, fiel Gonne von Baumhauer in einen tiefen Schlaf. Nach zwei Stunden gab der Arzt der Bewußtlosen eine Spritze mit dem Pfeilgift Curare. Die Töchter sahen sie noch einmal tief atmen, dann starb sie.”

In dem zitierten Bericht wird ein weiterer, allerdings etliche Jahre zurückliegender Fall einer ärztlichen Sterbehilfe geschildert: “… der Wiener Internist Max Schur, dem der an Mundhöhlenkrebs leidende Psychoanalytiker Sigmund Freud bei ihrer ersten Begegnung 1928 das Versprechen abnahm, ihn, ‘wenn es mal soweit ist’, nicht unnötig leiden zu lassen. Schur folgte Freud später in die Emigration nach London und schreibt in seinen Erinnerungen, wie ihn sein berühmter Patient am 21. September 1939 erinnerte: ‘Sie haben mir damals versprochen, mich nicht im Stich zu lassen, wenn es soweit ist. Das ist jetzt nur noch Quälerei und hat keinen Sinn mehr.’ Max Schur injizierte dem nach mehreren Gaumenoperationen an schwersten Schmerzen leidenden Todkranken zwei Zentigramm Morphium. Freud fiel in tiefen Schlaf, und der Ausdruck von Leid wich aus seinem eingefallenen Gesicht. Nach zwölf Stunden spritzte der Arzt weitere zwei Zentigramm Morphium, wohl wissend, daß damit dem Leben des stark geschwächten Patienten ein Ende gesetzt wurde. Freud verfiel in ein Koma, aus dem er nicht mehr aufwachte. Um 3 Uhr morgens am 23. September 1939 starb der 83jährige friedlich im Schlaf. Es war ein Gnadentod.”

Obwohl wahrscheinlich die Mehrheit aller Menschen in der westlichen Welt die Gewißheit des Todes im alltäglichen Leben verdrängt, gibt es doch immer wieder Anhaltspunkte dafür, daß viele eine Bewußtseinsebene erreicht haben, auf welcher ein rechtzeitiger Freitod als klare Option anerkannt wird.

Berichtete die Nachrichtenagentur Reuter (Bangkok Post vom 3. August 1993):”A step-by-step guide on how to commit suicide has turned into a bestseller in the United States. The book, Final Exit, is meant for people with terminal diseases… Final Exit was written by Derek Humphry, founder of the Hemlock Society, named after the poison the Greek philosopher Socrates took to kill himself more than 2,000 years ago…”

“An article in the Wall Street Journal in July drew attention to the existence of Final Exit – ignored by reviewers – and triggered an unusual rush that saw 20,000 copies sold in two weeks, Humphry said…”

“Detailed information provided in Final Exit – subtitled “The Practicalities of Self-Deliverance and Assisted Suicide for the Dying” – ranges from securing lethal prescription drugs to finding a physician prepared to assist in suicide…”

“In five chapters addressed to doctors and nurses, Final Exit discusses the pros and cons of various prescription drugs, ways of administering them and the most effective dosage. “The lethal oral dose of pentobarbital sodium or secobarbital sodium is estimated at 3G (grammes). For safety’s sake, a triple dose may be considered the euthanasic dosage.'”

“According to Humphry, polls conducted for the Hemlock Society show that 70 per cent of Americans approve the idea that physicians should be allowed to help a patient die if prolonging his life would only inflict suffering. For those who fail to find a willing doctor, Final Exit offers detailed guidelines to sure and painless death.”

“No matter what drug is taken, the book says, use of a plastic bag is ‘highly advisable’ for those who do not have the help of a physician to end their lives. The plastic bag, the book advises, should be used in conjunction with sleeping pills. ‘With the plastic bag secured around the neck, the dying person uses up oxygen in the air, replacing it with carbon dioxide, and leaving behind nitrogen that permits breathing. A human cannot live on carbon dioxide and nitrogen alone.’ The book comes out firmly against death by cyanide (‘can be painful in the extreme’) and lists a number of ‘bizarre ways to die’ deemed unacceptable either because they are unreliable or messy.”

Making sense