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Die Exekution

Es war der 8. Dezember 1983, ein Donnerstag. An diesem Tag würde bekannt werden, daß der Entführte nicht Oswald Kroll war. Man hatte dies in der Bundesrepublik Deutschland anhand eines Fotos festgestellt, das die Terroristen als Lebenszeichen gesandt hatten.

Noch bevor es bekannt wurde, gegen 4 Uhr morgens, kam Vera ins Volksgefängnis, wo Marc und Manuel die Nachtwache hielten. Vera sagte: "Man hat Sie zum Tode verurteilt."

Dewey, der an seinen Polsterstuhl gekettet war und in dieser unbequemen Haltung geschlafen hatte, war sich zunächst nicht sicher, ob er nur träumte. Doch leider gab es kein klärendes Erwachen.

Dewey sagte: "Man hat mich zum Tode verurteilt. Das sagen Sie so einfach daher. Und mit welcher Begründung? Darf ich das auch erfahren?"

"Wegen imperialistischer Verbrechen," sagte Vera.

"Wegen imperialistischer Verbrechen. Das ist doch nur ein Vorwand für eine Geiselerschießung. Mord ist das, ganz billiger, gemeiner Mord."

Marc sagte: "Regen Sie sich nicht auf."

"So - nicht aufregen soll ich mich. Da soll man erschossen werden, und dann darf man sich nicht einmal aufregen. Feine Gesellen sind Sie."

Dann wurde Dewey von Manuel von diesem Sitzmöbel losgekettet, und es wurden ihm die Arme mit Handschellen auf den Rücken gebunden, er wurde geknebelt und man verband ihm die Augen. Er wurde Treppen hinuntergeleitet und im Kofferraum eines Autos verstaut, und dann kamen 20 Minuten Fahrt.

Als der Kofferraum geöffnet und Dewey die Augenbinde und der Knebel abgenommen wurde, befanden sie sich wieder in den Müllgründen, in eben jenem Krater, in dem Dewey vor acht Tagen in die Holzkiste verladen worden war. Es war ein strahlend schöner Morgen, und die Sonne war gerade glühend über der Stadt aufgegangen, und Glas und Blech glänzten im hellen Licht, und die Luft war klar, weil es noch nicht warm war, und Rauchfahnen stiegen in die Höhe, wie von Lagerfeuern in der Wildnis.

Es war ein Morgen, den man genießen sollte - mit einem schönen Frühstück auf einer Terrasse und einer guten Tasse Kaffee Und statt dessen sollte er nun, auf nüchternen Magen, hingerichtet werden.

"Sie machen einen Fehler," sagte Dewey.

"Ich teile Ihre Ansichten; ich bin einer Ihrer Gesinnungsgenossen."

"Dann wissen Sie ja, daß Sie für eine gute Sache sterben," sagte Marc.

Nun stand er da, in diesem Müllkrater, und er wurde von Marc festgehalten, und Manuel, der seine Sonnenbrllle trug und sehr modisch aussah im schönen Morgenlicht, schraubte einen Schalldämpfer auf seine Pistole und legte schon mal an.

"Heh, warten Sie," sagte Dewey.

"Warten, warum?" fragte Manuel.

"Na ja, das können Sie doch nicht machen. Da einfach abdrücken."

"Nicht? Warum denn nicht?"

"Na, hören Sie mal, da kommt eine Kugel raus."

"Ja, na und?"

"Ich bin ein Mensch. Verstehen Sie das nicht. Ich bin ein Mensch," sagte Dewey verzweifelt.

"Ist das etwas Besonderes?" fragte Manuel.

"Und überhaupt bin ich gar nicht Oswald Kroll. Ich bin der Falsche. Sie haben den Falschen entführt. Dewey ist mein Name, Cal Dewey, ich bin der Falsche, verstehen Sie, haha, der Falsche."

"Na ja," sagte Manuel, "wenn Sie nicht Oswals Kroll sind - umso besser für Sie. Freuen Sie sich. Dann sind Sie ja nicht der, der erschossen wird. Da haben Sie ja nochmal Glück gehabt," meinte Manuel und grinste.

"Soll das heißen, Sie lassen mich frei? Sie lassen mich also frei. Ich wußte es doch, das Sie mich nicht einfach erschießen würden. Ich hatte schon von Anfang an dieses Gefühl."

Vera fragte: "Sind Sie religiös?"

"Nein, warum. Religiös bin ich nicht. Warum?"

"Na ja," sagte Vera, "Sie möchten vielleicht beten."

"Beten, warum? Ach so, ein Dankgebet meinen Sie? Weil die Situation so glücklich ausgegangen ist. Nein, religiös bin ich eigentlich nicht. Aber wenn Sie es für angemessen halten - natürlich kann ich beten. Innerlich nur. Einen Text weiß ich nicht."

"Ich meinte, ein letztes Gebet. Aber da Sie ja nicht religiös sind, braucht es das wohl nicht," sagte Vera.

"Ein letztes Gebet? Was soll das nun wieder bedeuten. Ich dachte, Sie lassen mich frei. Wozu denn dann ein letztes Gebet? Sie haben schon einen komischen Humor," sagte Dewey.

Vera sagte: "Drehen Sie sich um. Ich habe keine Lust, in Ihr verwundertes Gesicht zu schauen. Sie gaffen wirklich zu blöd."

"Umdrehen soll ich mich? Wozu denn das?"

Vera sagte: "Ja, drehen Sie sich um. Klettern Sie den Krater hoch. Versuchen Sie davonzurennen."

Dewey sagte: "Ach so, ja, natürlich, Sie lassen mich ja frei. Entschuldigen Sie, bin etwas schwer von Begriff, heute morgen. Haha, schlecht geschlafen, wissen Sie. Morgenmuffel, haha. Sie müssen schon entschuldigen."

Manuel sagte: "Reden Sie nicht lange herum. Klettern Sie hoch. Machen Sie schon. Wir warten nicht ewig."

Dewey drehte sich also um, und er versuchte, den Rand des Müllkraters zu erklimmen. Schüsse erklangen, einer, zwei, drei, vier. Dewey mußte husten und mußte sich übergeben, und er stellte verwundert fest, daß es Blut war, was er spuckte.