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Die Entführung

Es war am Tag vor der Abreise, als seine Stimmung plötzlich umschlug. Es war die Aussicht, daß in Europa alles ganz anders sein würde: daß Geschlechtsverkehr, guter Geschlechtsverkehr, nicht käuflich sein würde; daß, wenn Lust ihn überkam, diese nicht so einfach zu befriedigen sein würde. Daß er in Europa wieder nur ein Durchschnittsmann sein würde, während er auf den Philippinen, trotz seiner begrenzten finanziellen Mittel, ein reicher Mann war. Europäische Prostituierte, mit ihrer rohen Mentalität und einem Dutzend Kunden pro Tag, sagten ihm nicht zu. Und überhaupt waren Dewey, dem Geizhals, die Tarife europäischer Prostituierter viel zu teuer.

Dewey war innerlich beunruhigt. Es ging schon am frühen Morgen los. Dewey war um sieben aufgestanden, um halb acht saß er beim Frühstück. Das Omelett und der Kaffee schmeckten ihm überhaupt nicht mehr. Er hätte viel lieber in eine saftige Votze gebissen.

Die Geilheit war in der Tat eine schlimme Geißel. Was würde nur in Europa aus ihm werden, wo man nette Purzelbäume schlagen mußte, oder einen charmanten Kopfstand vorführen, bevor ein Weib die Beine breit machte. Was mußte das für eine verkehrte Welt sein, wo man mit den Nutten nicht mal eine viertel Stunde reden konnte, ohne daß einem vorgerechnet wurde, wie man ihre Arbeitszeit verschwendete? Wo eine halbe Stunde mit Pariser mehr kostete als hier eine Nacht mit Hymen. Und das Wetter in Europa war um diese Jahreszeit ja auch alles andere als erbaulich. Der alte Kontinent war ein trauriges Schicksal, das ihn erwartete.

Dann wurde es Dewey mit einem Schlag klar, daß er nur noch einen Tag Gelegenheit hatte, auf Vorrat zu ficken. Das war eine verdammt kurze Zeit, und Dewey geriet bei der Vorstellung, wie knapp das war, fast in Panik. Es war keine Zeit zu verlieren. Was tun also?

Es gab die Möglichkeit, vor den Hotels die Nutten abzufangen, die die Nacht bei einem Kunden zugebracht hatten. Aber die hatten die Taschen voll Geld, und wenn sie die Taschen voll Geld hatten, waren sie faul. Und hatten die am Morgen überhaupt richtig geduscht, nachdem sie die ganze Nacht vollgepumpt worden waren?

Er konnte auch ein Bordell in der Chinatown aufsuchen. Da gab es einige, die waren durchgehend dienstbereit. Daß er sich einen Tripper einfangen könnte, bereitete ihm weniger Sorgen. An dem konnten ja die Ärzte in Europa ihre Kunst austoben. Was für Dewey jetzt wichtig war, das war, Kreuzteufel, ein Loch.

Dewey nahm also ein Jeepney in Richtung Divisoria-Markt.

In Binondo waren alle größeren Straßen völlig verstopft. Dies war nichts Außergewöhnliches, und so hatte jeder Jeepney-Fahrer seine eigene ausgeklüngelte Strecke, auf der er trotzdem ans Ziel kam. Es ging in holprige Seitenstraßen hinein, durch Gassen, in denen die elektrischen Leitungen gefährlich tief hingen, und sogar durch Hinterhöfe führte ihr Weg.

Die Bausubstanz wurde immer schlechter, und schließlich war es Sightseeing durch ein Elendsviertel. Die Wände der halbverfallenen Holzhäuser waren mit politischen Parolen beschmiert. Die Straßen waren jetzt tatsächlich nur noch mit geländegängigen Fahrzeugen zu passieren, so tief waren die Schlaglöcher. Der Müll lag auf großen Haufen, und hin und wieder stieg ihm der Geruch einer verwesenden Ratte oder Katze in die Nase. Es herrschte ein böses Gedränge in manchen der Gassen, und es war erschreckend, wie viele Kinder es gab. Sie plantschten in Pfützen und stocherten im Müll herum, und sie verrichteten mitten unter anderen Kindern ihre Notdurft.

An einem Hydranten standen hunderte Leute mit schwarzen Kanistern Schlange. Es gab ein paar kleine, improvisierte Werkstätten am Straßenrand, aber die meisten Leute saßen nur herum. Hin und wieder wurde auf kleinen freien Plätzen Basketball gespielt. Das war diesen Menschen Lebensfreude, dafür brachten sie Begeisterung auf.

Dewey fühlte sich überraschend schnell vertraut mit dieser Umgebung. Sie wirkte trotz der vielen Menschen noch menschlich. Es war die Stadt, nachdem sie ins Elend abgerutscht war, aber wahrscheinlich waren die Leute nett und wollten, wie Dewey, nur in Ruhe gelassen werden.

Als sie wieder auf eine normale Straße kamen, wurde der Jeepney von einer jungen Frau und einem jungen Mann gestoppt, die zusteigen wollten. Die junge Frau war sehr groß, und der junge Mann hatte dünnes, dunkelblondes Haar. Beides war selten auf den Philippinen, und möglicherweise waren beide nicht reine Filipinos. Wenn sie aus besseren Familien stammten, dann hatten sie wahrscheinlich einen oder zwei Spanier in der Ahnenreihe.

Es war auffallend, daß der junge Mann sich auf die vordere Sitzbank setzte, während die junge Frau nach hinten kam und neben Dewey Platz nahm. Hinten saßen außer Dewey und der jungen Frau nur fünf Passagiere, und der junge Mann hätte durchaus noch hineingepaßt.

Ihr Jeepney blieb nur für eine kurze Weile im allgemeinen Fahrzeugstrom und bog dann nach rechts in eine enge Seitenstraße ein. Dewey nahm zunächst an, der Fahrer begebe sich wieder auf einen zeitsparenden Umweg, doch dann sah er, daß ihr Chauffeur offenbar Anweisungen des blonden jungen Mannes befolgte.

Die junge Frau saß mit adrett angewinkelten Beinen neben Dewey. Sie trug ein hellbraun/dunkelbraun gestreiftes Kleid, und ihr schmales Armgelenk schmückte ein goldenes Kettchen. Sie hatte ihre Handtsache auf dem Schoß liegen, und aus dieser zog sie plötzlich (Dewey war völlig überrascht) eine Pistole hervor. Der Lauf war auf Dewey gerichtet.

Das durfte doch nicht wahr sein, ging es Dewey durch den Kopf. Ein Überfall, am hellichten Tag. Und ausgerechnet ihm mußte das passieren. Wo er doch sowieso nur noch wenig Zeit hatte.

"Wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist, verhalten Sie sich ruhig," sagte die junge Frau. Die Beine waren immer noch adrett angewinkelt. Ihr Gesicht war schmal, und sie hatte hohe Backenknochen.

"Wenn Sie mein Geld wollen, es ist in der Brusttasche," sagte Dewey.

"Halten Sie den Mund," sagte die junge Frau barsch.

"Irgendetwas stimmt hier nicht," dachte Dewey. "Warum sammelt die nicht das Geld ein?"

Auf Anweisung des blonden jungen Mannes bog der Fahrer mit dem Jeepney|durch eine enge Einfahrt in einen Hof. Rechts und links standen Häuser. Sie hatten keine Fenster zum Hof. Zur Straße und an der gegenüberliegenden Seite sorgten hohe Mauern dafür, da es keinen Einblick gab. Sofort, als der Jeepney hielt, sprang der blonde junge Mann vom Beifahresitz hinaus, und er stand nun, mit ein paar Metern Abstand zum Fahrzeug, beitbeinig da und hatte eine Pistole gezückt.

Die junge Frau, die jetzt sichtbar nervös war, sagte zu Dewey: "Kommen Sie, kommen Sie, steigen Sie aus." Sie machte eine eindeutige Bewegung mit ihrer Waffe.

"Was soll denn das? Ich hab Ihnen doch gar nichts getan. Ich bin nur ein harmloser Tourist," sagte Dewey.

"Tun Sie besser, was sie sagt," meinte väterlich ein älterer Herr, der Dewey gegenüber saß. "Sonst bringen Sie uns noch alle in Gefahr."

"Los, los!" sagte die junge Frau, "steigen Sie aus."

Dewey zwängte sich an den Passagieren vorbei und stieg in geduckter Haltung aus. Er sagte: "Warum nehmen Sie nicht einen ihrer eigenen Leute mit? Warum denn nicht diesen älteren Herren, der soviel Verständnis für Sie hat?"

"Halten Sie den Mund," sagte die junge Frau. Sie zwängte sich nach Dewey aus dem Fahrzeug.

Dewey wurde von der jungen Frau über den Hof geführt, und sie mußten über allerhand Eisenschrott steigen. Sie gingen auf der gegenüberliegenden Seite durch eine kleine Stahltür hinaus, und Dewey wurde befohlen, in ein wartendes Tani zu steigen. Es war einer dieser gelben japanischen Kleinwagen, und die Tür war mit dem Schriftzug Amigo und einer Telefonnummer bemalt. Der Fahrer trug eine dunkle Sonnenbrille.

Dewey mußte auf der Rückbank Platz nehmen, und seine adrette Entführerin setzte sich neben ihn. Sie hatte die Pistole im Schoß und sicherlich den Finger am Abzug, aber sie hatte die Angelegenheit dezent mit einem Handtuch abgedeckt.

Nun ging es zügig vorwärts. Sie fuhren durch ein paar Seitenstraßen, und dann waren sie auf dem Divisoria-Markt. Die Claro M. Recto Avenue war hier eigentlich sechspurig. Auf dem Asphalt hatten aber die Händler ihre Waren ausgebreitet, und es blieb auf jeder Seite gerade eine Fahrbahn frei, die jeweils auch noch von be- und entladenden Jeepneys verstopft wurde.

Ihr Fahrer mit der Sonnenbrille hupte beständig. Es fiel nicht auf. Für einen Taxifahrer war es ein durchaus normales Verhalten.

"Darf ich fragen, wohin Sie mich bringen?" fragte Dewey.

"Sie werden es früh genug erfahren," sagte seine Entführerin.

Sie kamen auf den Bonifacio Drive und fuhren an den Piers des Nordhafens vorbei, und dann stieg ihnen auch schon der Gestank der brennenden Müllhalden Manilas, der Smokey Mountains, in die Nase.

Sie fuhren einen guten Kilometer in die Abfallhalden hinein, und es ging einen Hügel hinauf, und als sie auf dem Paß anlangten, war es eine richtige Feldherren-Aussicht. Wie die Brandherde eines Schlachtfeldes qualmten verstreut die Müllhaufen, und Männer und Frauen und Kinder wühlten in den Abfällen nach Dingen, die noch brauchbar erschienen. Sie fuhren die Anhöhe hinunter, und dann bog der Taxifahrer mit der Sonnenbrille in einen kleinen Krater.

Dewey sagte: "Für wen halten Sie mich eigentlich? Sie verwechseln mich. Ganz sicher verwechseln Sie mich." Er war überzeugt, das Opfer einer Verwechslung zu sein.

"Halten Sie den Mund," sagte das schlanke Fräulein, und sie bedrohte ihn offen mit der Pistole. Sie war jetzt gar nicht mehr nervös, sondern die Ruhe selbst.

In dem Krater wartete ein Lieferwagen auf sie. Dewey wurde in eine Kiste umgeladen, und dann folgte eine gute halbe Stunde Fahrt, von der Dewey nichts mitbekam, und dann wurde die Kiste getragen. Als sie geöffnet wurde, befanden sie sich in einem kleinen, fensterlosen Raum. Eine gelbe Glühbirne funzelte von der Decke. Es gab einen alten Schreibtisch und zwei zerschlissene Polsterstühle und ein altes Bettgestell mit einer verdreckten Matratze.

"Können Sie mich jetzt vielleicht darüber aufklären, was hier vor sich geht? Wo befinde ich mich überhaupt?" fragte Dewey.

"In einem Volksgefängnis," sagte das große Fräulein in aller Seelenruhe.

Dann wurde Dewey mit Handschellen an einen dieser Polsterstühle gekettet.