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Der Kompromiss

Gegen 8 Uhr morgens verlangte Dewey zu telefonieren. Er rief Ben Neweg an, einen Landsmann, der in Manila an einer Firma beteiligt war. Die Firma produzierte und exportierte Bananenchips, die aus diesen Krüppeln von Kochbananen hergestellt wurden. Dewey hatte sich für Ben Neweg entschieden, weil dieser mit seinen 50 Jahren und seinem Direktorenposten eine seriöse Erscheinung war und wohl auch gute Beziehungen hatte.

"Hör mal," sagte Dewey in ihrer Landessprache, die von niemandem hier verstanden wurde. "Hör mal, ich sitze hier im Knast, seit gestern Nachmittag schon, und ich brauche deine Hilfe."

"Na, da schau her," sagte Neweg. "Was hast du denn ausgefressen?"

"Ja nichts. Aber so eine dumme kleine Kuh hat mich angezeigt, ich hätte sie vergewaltigt."

"Ach wie nett. Bist du auch mal an der Reihe," sagte Neweg.

"Was heißt hier: Auch mal?"

"Sag nur, das weißt du nicht?"

"Nichts weiß ich."

"Das ist ein alter Trick. Die wollen nur kassieren, sonst nichts. Wahrscheinlich hast du dem Mädchen zu wenig gezahlt."

"Na, hundert," sagte Dewey. "Aber das war keine Nutte."

"Das glaubst du. Hundert waren der wahrscheinlich zu wenig. Ist wohl auch nicht viel, gib das wenigstens zu."

"Ja und?" fragte Dewey.

"Jetzt hat sie dich eben angezeigt. So holt sie sich ihr Geld. Machen die schon lange so: zeigen den Touristen an, er habe sie vergewaltigt. Und der Tourist, dem alles recht ist, wenn er nur keinen Prozeß kriegt, zahlt. Da verdienen natürlich noch einige mit."

"Wer?" fragte Dewey.

"Die Polizisten bessern mit solchen Episoden ihr Gehalt auf."

"So," sagte Dewey. "So ist das."

Er war schon wieder guten Mutes.

"Und was muß man den Burschen denn zahlen?"

"Unter tausend wirst du nicht kommen," sagte Neweg. "Aber du kannst es ja mal mit fünfhundert probieren. Ich kenne Leute die haben dreitausend hinblättern müssen."

"Ich werd's probieren," sagte Dewey.

Der Versuch schlug leider fehl. Dewey war nicht angezeigt worden, weil Babie Geld schinden wollte, sondern weil dieser Bestattungsunternehmer der Ansicht war, seine Tochter sei geschändet worden. Dewey lief ins Leere, als er gegenüber Sergeant Montajes Andeutungen machte, daß sich mit etwas gutem Willen der Fall auch außergerichtlich lösen lassen müßte. Er würde ja auch die Unkosten tragen, hatte Dewey erklärt.

Kurz vor Mittag telefonierte Dewey wieder mit Ben Neweg. "Das haut nicht hin, wie du gesagt hast," meinte Dewey.

"Ja sitzt du denn immer noch im Knast?"

"Natürlich. Die sagen, ich müßte warten bis das Wochenende vorüber ist; dann käme ich vor den Schnellrichter."

"Vielleicht hast du ihnen zu wenig geboten."

"Ich habe gesagt: ich trage die Unkosten. Aber die wollten mit mir gar nicht über Geld reden."

Dann versprach Ben Neweg, er werde am frühen Nachmittag auf dem Revier 5 vorbeikommen, und er werde auch jemanden von der Botschaft mitbringen, vorausgesetzt er könne heute, am Samstag, jemanden von dort auftreiben.

Ben Neweg konnte den Konsul persönlich dazu bewegen, sich um diesen armen verhafteten Landsmann Cal Dewey zu kümmern. Sie fuhren in der Limousine des Konsuls zur Station 5, und der Gesandte machte einen zuversichtlichen Eindruck.

"Jetzt werden wir den Herren Polizisten mal sagen, was Sache ist. Hier einfach einen unserer Staatsbürger einzusperren. Nein, nein, so geht das nicht," sagte der Konsul zu Ben Neweg, während sie den Roxas Boulevard entlang nach Ermita fuhren. "Natürlich werden wir unserem armen Herrn Dewey helfen. Dafür sind wir ja in diesem Land. Diesen Herren von der Polizei muß man hin und wieder mal auf die Füße treten, damit sie nicht zu übermütig werden," sagte der Gesandte.

Auf der Station 5 wurde der Konsul dem Revier-Chef, Colonel Santos, vorgestellt.

"Guten Tag, Exzellenz," grüßte der Colonel.

Dann bekam der Konsul die Anzeige vorgelegt, und er runzelte mit ernster Miene die Stirn. Sergeant Montajes brachte den Untersuchungshäftling Dewey herbei.

"Sie werden doch korrekt behandelt?" fragte der Konsul.

"Was heißt hier 'korrekt behandelt'," sagte Dewey. "Es gibt ja nicht einmal ein Klo auf der Zelle, nur einen Kübel. Überhaupt werde ich hier völlig schuldlos festgehalten."

"Ist es denn nicht richtig, daß Sie die Mädchen ins Hotelzimmer mitgenommen haben?"

"Doch, doch; natürlich habe ich sie mitgenommen."

"Und daß Sie mit diesem Mädchen, dieser Babie, Verkehr hatten?" fragte der Gesandte.

"Natürlich hatte ich Verkehr mit ihr. Aber es war keine Vergewaltigung. Die wollte ja selbst."

Sergeant Montajes brachte Dewey zurück in die Zelle. Der Konsul und der Colonel besprachen sich unter vier Augen. Nach zehn Minuten kam der Konsul an die Gitterwand und teilte Dewey mit: "Natürlich kümmern wir uns um Sie. Aber so wie das da steht, schwarz auf weiß, können wir im Moment natürlich nicht viel ausrichten. Wir werden darauf achten, daß Sie korrekt behandelt werden. Sicher bekommen Sie einen fairen Prozeß. Wir lassen Sie da nicht im Stich. Wir haben auch schon etwas erreicht: Sie können hier die Toilette benutzen, der Herr Colonel Santos hat mir in dieser Angelegenheit sein Ehrenwort gegeben. Und wenn Sie für die Unkosten aufkommen, bringt man Ihnen Mahlzeiten aus einem Restaurant. Wir konnten das für Sie erreichen."

Ben Neweg sagte: "Mehr war im Moment leider nicht zu machen."

Colonel Santos geleitete den Konsul und Ben Neweg persönlich zur Limousine.

"Auf Wiedersehen, Exzellenz. Besuchen Sie uns recht bald wieder, Exzellenz."

Am Nachmittag durfte Cal Dewey zur Darmentleerung aufs Klo der Polizisten. Das war zwar auch nicht gerade sauber, aber immerhin: es war ein schöner Erfolg, wie seine Exzellenz anzudeuten beliebt hatte.

Am frühen Abend wurden noch zwei Kleinverbrecher eingeliefert. Einer von ihnen hatte eine so enorme Hasenscharte, daß selbst Dewey erschrak. Die Mißbildung war nicht im Kindesalter genäht worden und so klaffte in der Oberlippe des jungen Mannes ein Spalt der drei Zähne freilegte. Daneben, auf beiden Seiten, waren die Lippen aufgestülpt - und dann machte Dewey eine Entdeckung: das Gesicht dieses jungen Mannes erinnerte an ein kleines, freilich recht häßliches Häschen.

Dieser Kinderschreck kam also neu in die Zelle, und es war lange Zeit recht lustig, weil er auch nicht richtig sprechen konnte und jedes Wort wie ein Fladen aus ihm herausquoll. Später ließ sich Dewey etwas Anständiges zu essen holen, doch obwohl das jetzt offiziell genehmigt war, gab es wieder kein Wechselgeld zurück. Die zweite Nacht im Gefängnis schlief er dann schon etwas besser.

Am nächsten Vormittag nach dem Frühstück erschien Sergeant Montajes in der Zelle und bat Dewey kurz mitzukommen. Er führte ihn in ein Zimmer, in dem Leutnant Castro wartete.

"Ist es nicht ein schöner Sonntagvormittag?" grüßte Castro und grinste.

"Na ja," antwortete Dewey.

Castro saß auf der Schreibtischkante. Warum saßen alle höheren Polizisten immer auf dem Schreibtisch und nie davor oder dahinter?

"Mindestens am Sonntag soll man ein gutes Werk vollbringen," sagte der Leutnant. Er forderte Dewey mit einer lässigen Handbewegung auf, sich auf einen Stuhl zu setzen, und er bot eine Zigarette an.

"War das jetzt sein gutes Werk?" fragte sich Dewey, als Leutnant Castro ihm auch noch Feuer gab.

"Sehen Sie," sagte der Leutnant, "wir von der Polizei sind ja auch keine Unmenschen. Wir wollen Sie ja nicht quälen. Aber nein doch."

"Ach wie gutherzig," dachte Dewey.

"Wir sind sowieso stets überbeschäftigt. Und nebenbei bemerkt, sind wir auch unterbezahlt. Sehen Sie, ich habe vier Kinder zu ernähren," sagte Castro und grinste.

"So hat jeder seine Sorgen," dachte Dewey.

"Und gerade mit den Ausländern haben wir immer viele Umstände. Sie genießen ja hier schon eine Sonderbehandlung. Wir haben also nur Umstände mit Ihnen. Und der Richter freut sich ja auch nicht auf den Fall. Der muß ein Urteil fällen, und das wird ihm Kopfzerbrechen bereiten. Und dann denke ich an die Arbeit, die die Kollegen mit Ihnen haben werden, wenn Sie fünfzehn oder zwanzig Jahre versorgt werden müssen. Wie Sie sehen, haben wir nur Umstände mit Ihnen. Aber wir sind ja nicht nachtragend, das ist ja schließlich unser Beruf. Wir sind ja keine Unmenschen. Und da Sie ja schon angedeutet haben, daß Sie für die Unkosten aufkämen. Ich meine..."

Leutnant Castro meinte zunächst gar nichts, sondern grinste unter seinem Bürstenachnitt über beide Backen.

"Ja, natürlich," sagte Dewey. "Ich komme selbstverständlich für die Unkosten auf. Wie hoch werden die denn sein?"

"Ja, sehen Sie," sagte Castro, "es ist das alles nicht so einfach." Und er grinste wieder.

"Werden tausend Peso reichen?" fragte Dewey.

Leutnant Castro wiegte bedeutungsschwanger seinen Bürstenschädel und machte ein skeptisches Gesicht.

"Sie sind doch ein reicher Mann," sagte er. Und er fügte hinzu: "Sehen Sie, das ist nicht so einfach. Wir müssen eine ganze Reihe von Leuten beschwichtigen. Und die ganzen Umstände, die wir haben."

"Wieviel wollen Sie? Fünftausend, so viel..."

Castro unterbrach ihn ganz schnell. "Sagen Sie zehntausend, und alles ist geklärt. Damit wäre alles erledigt."

Dewey ließ sich in die Lehne seines Stuhles fallen. "Wau! Sie sind aber teuer."

Leutnant Castro grinste. "Sehen Sie, die vielen Umstände. Und wir müssen die Leute ja beschwichtigen."

"Also fünftausend wäre ich bereit zu zahlen. Aber zehntausend?"

"Sie können sich ja alles noch einmal überlegen, in der Zelle. Aber mein Dienst endet um 2 Uhr, und dann bin ich für vier Tage nicht hier. Ich weiß nicht, ob die anderen Kollegen so kooperationsbereit sind," sagte Leutnant Castro und stand von der Tischkante auf.

Dann lief der Polizeioffizier im Zimmer auf und ab und er breitete die Arme aus und sagte: "Wir sind ja keine Unmenschen, weiß Gott nicht. Aber wenn Sie uns die Unkosten nicht ersetzen wollen. Herrje, was können wir da tun? Und nachher heißt es in der ganzen Welt draußen wieder: 'Ach, diese gemeine Polizei.' So ist es immer. Erst sind wir hilfsbereit, und dann werden wir verspottet."

"Ich kann es ja versuchen. Ich weiß nicht, ob ich zehntausend auftreiben kann. Aber ich kann es ja versuchen," sagte Dewey.

Leutnant Castros ernste Miene war verflogen. Er setzte sich wieder auf seine Schreibtischkante und grinste: "Ich wußte ja, daß Sie ein vernünftiger Mensch sind. Ich wußte es ja. Sonst hätte ich Ihnen meine Hilfe gar nicht angeboten."

"Und mit den Zehntausend ist die Sache endgültig vom Tisch?"

"Ja, schon, allerdings... Sie wissen, dieser Bestattungsunternehmer. Ein hartnäckiger Mensch. Man weiß ja nicht, was der noch unternimmt. Allerdings..." und Leutnant Castro grinste wieder über beide Backen, "er kennt uns ja, er kennt die philippinische Polizei."

"Und was hat das zu bedeuten?" fragte Dewey, leicht verärgert.

"Na ja," sagte Leutnant Castro, "sicher wird er sich anfangs aufregen; aber wahrscheinlich findet er sich dann mit den Tatsachen ab. Er weiß ja, daß wir unzuverlässig sind."

"Und wie soll das dann vonstatten gehen - ohne das Einverständnis dieses Leichengräbers?"

"Na ja, wir geben Ihnen Gelegenheit zur Flucht. Sie sind dann eben geflohen. Wir werden ihm sagen, daß es uns leid tut."

"Und dann werden Sie gleich eine Großfahndung einleiten?"

"Nein, nein," sagte Castro, "das wird sehr schleppend behandelt. Wir haben ja so schrecklich viel zu tun. Wir können uns da nicht gleich wieder drum kümmern. Wir haben ja auch noch andere Fälle, die wir klären müssen."

"Und was heißt das für mich?"

"Machen Sie eben, daß Sie aus Manila wegkommen."

"Wie? Per Flugzeug?"

"Wir müssen natürlich die Kollegen am Flughafen verständigen, daß Sie geflohen sind. Besser wäre es, Sie versuchen es im Süden. Reisen Sie doch nach Borneo."

"Nach Borneo? Das sagen Sie so leicht. Und überhaupt: wie soll denn die Flucht stattfinden?"

"Ach, das ist kein Problem. Sie fahren mit Sergeant Montajes spazieren, und irgendwo steigen Sie einfach aus."

"Und wer garantiert mir, daß ich nicht auf der Flucht erschossen werde? Vielleicht hat dieser Bestattungsunternehmer schon dafür gezahlt, daß ich auf der Flucht erschossen werde. Vielleicht will der so schnell wie möglich eine Leiche sehen."

"Aber nein, doch; aber nein, doch. Was trauen Sie uns denn zu. Sie halten uns ja für schreckliche Menschen. Und das am Sonntagvormittag."

"Man kann ja nie wissen."

"Wo es doch mit toten Touristen nur Scherereien gibt. Das wollen wir ja auch nicht. Da hören die Scherereien überhaupt nicht mehr auf. Das steht dann in den Zeitungen und das Ministerium für Tourismus beschwert sich und rechnet vor, wieviele Gäste so ein Zwischenfall kostet. Nein, nein, da können sie beruhigt sein. Diese Scherereien wollen wir nicht."

Zehntausend Peso waren natürlich ein großes Geld. Aber Dewey war doch froh, daß sich der Fall so erledigen ließ. Allerdings...

Er sagte: "Es gibt da noch ein Problem. Ich habe nicht so viel Peso eingewechselt."

"Das macht doch nichts," sagte Castro verständnisvoll. "Wir nehmen auch Dollar. Geben Sie uns fünfhundert Dollar."

"Das Geld ist im Hotelsafe."

"Sergeant Montajes wird Sie ins Hotel begleiten. Das läßt sich dann in einem Aufwasch erledigen. Sie gehen ins Hotel und lassen sich Ihre Wertsachen geben, und dann fahren Sie mit Montajes wieder in die Stadt, und nachdem Sie gezahlt haben, steigen Sie einfach irgendwo an einer Kreuzung aus.

Man war sich also einig. Dewey brauchte nicht mehr in die Zelle zurück. Er fuhr mit Sergeant Montajes ins Hotel und sie gingen zusammen ins Zimmer hoch. Dewey duschte und rasierte sich, wechselte die Kleider und packte. An der Rezeption ließ er sich seine Wertsachen aushändigen, und er bezahlte seine Rechnung. Dann fuhr er mit Montajes nach Quiapo hinein. Unterwegs steckte er dem Polizisten die versprochenen fünfhundert Dollar zu. Sie bogen in die Evangelista Street, in der viel Verkehr herrschte, und Dewey sagte: "Ich steige an der nächsten Ecke aus."

"Okay," sagte Montajes.

Dewey hatte kein gutes Gefühl. "Beim Fluchtversuch erschossen" würde sich so einfach lesen, im Polizeibericht.

"Viel Glück," sagte Montajes, als sie wieder im Stau standen.

"Danke," sagte Dewey.

Er stieg langsam aus und beobachtete Montajes. Der Polizist machte keine schnelle Bewegung. Dewey mischte sich auf dem Gehsteig sofort in eine Gruppe uniformierter Studentinnen. Er ging zickzack. Dann schaute er sich nach Montajes um. Dessen Jeep hatte sich im Strom der Fahrzeuge wieder in Bewegung gesetzt. Cal Dewey war frei.

Er ging etwa 50 Meter auf der Evangelista entlang und dann kaufte er sich an einem Stand eine Zeitung. Er blätterte sie von hinten durch, bis er die Liste mit den Abfahrtszeiten der Schiffe gefunden hatte. Dann nahm er ein Taxi zum North Port, Pier acht.