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Das Arrangement

Die Dunkelheit war, wie jeden Abend, schnell hereingebrochen. Jarek und Dewey saßen in einem kleinen, runden Pavillon am Ufer des Sorsogon. Die Luft war erfüllt vom Quaken der Frösche. Es veränderte sich so wenig wie das Surren unter einer Hochspannungsleitung. Es waren Tausende und Abertausende Frösche, und es war, als sei das beständige Quaken und Vibrieren der Ton der Luft selbst.

In den Hainen am anderen Ufer wurden vertrocknete Bananenblätter verbrannt. Das Feuer war rot, und es stieg einen Moment drei, vier, fünf Meter hoch. Ein Mann mit einer Bambusstange stand daneben, und Kinder sprangen herum. Das Licht flackerte auf der Oberfläche des Wassers, und einen kurzen Augenblick lang reichte der Schein bis zu Jarek und Dewey.

"Heirate sie," sagte Jarek.

"Ich weiß nicht," sagte Dewey.

"Sie ist ein anständiger Mensch. Eine Frau, die man noch heiraten kann."

"Sie gefällt mir gut. Aber muß ich sie deshalb heiraten?"

"Anders kriegst du sie nicht."

"Ob es das wert ist?"

"Sie ist eine gute Partie."

"Meinst du?"

"Sie ist fleißig und zuverlässig. Das ist viel wichtiger als Schönheit. Das sind dauerhafte Qualitäten."

"Und ich?"

"Na ja, Faulenzen, Tennis - wir können uns ja ein paar Pferde zulegen."

Dewey sagte eine Weile nichts.

"Überleg’s dir," sagte Jarek.

"Ich hab sie ja noch gar nicht gefragt. Wie soll ich wissen, ob sie überhaupt will," sagte Dewey.

"Natürlich will sie. Eine solche Chance schlägt hier keine aus."

"Meinst du?"

"Und ich bin auch dafür. Das ist nicht belanglos."

"Ich hab noch nicht mit ihr geredet."

"Ich arrangiere das für dich."

Einen Moment sagten sie nichts.

"Und was ist mit den Unterlagen? Ich habe keine Urkunden bei mir. Sogar der Paß ist mir abhanden gekommen."

"Macht nichts," sagte Jarek; "in diesem Land läßt sich das auch so regeln."

Am folgenden Nachmittag suchte Jarek Padre Sebastian Flores auf. Dieser lebte, nicht weit entfernt, im Hause seiner ehrwürdigen Mutter, und er ruhte sich gerade von des Tages Geschäftigkeiten aus, denn er hatte schon zwei letzte Segen erteilt. Er lag also im Garten in der Hängematte, die zwischen zwei Bäume gespannt war, und es war ihm gar nicht so recht, in seiner Besinnlichkeit gestört zu werden. Trotzdem aber erhob er sich, um seinen Gast zu empfangen; es war wohl ein Akt christlicher Nächstenliebe.

Hochwürden war ein kleiner Mann, und er sah so gar nicht respektgebietend aus, jetzt, da er nur mit Shorts bekleidet war. Er war um die Vierzig, und er hatte ein kugelrundes Bäuchlein. Seine Augen traten deutlich aus den Höhlen, und das verlieh dem Gesicht etwas fischhaftes.

"Guten Tag, Hochwürden," sagte Jarek.

"Herr Jarek. Seit Ihrer Hochzeit haben wir uns nicht mehr gesehen."

"Ach, ich bin ein Mensch des stillen Gebets."

"Und nun scheinen sie göttlichen Beistand zu brauchen," sagte der Priester.

"Eigentlich betrifft es mich nicht selbst," sagte Jarek.

Padre Flores zündete sich eine Zigarette an.

"Ich hatte nur gedacht: da sie ja schon Cinda und mich getraut haben, könnten Sie dies auch für Linda tun."

"So, so - wer ist denn der Glückliche?"

"Ein Bekannter von mir, Dewey, Cal Dewey heißt er."

"Und mit ihm soll ich Ihre Linda vermählen?"

"Wir dachten, wo Cinda und ich mit Ihrem Segen doch so glücklich sind...."

"Ist denn für die Hochzeit ein Termin schon festgesetzt?" fragte Padre Flores.

"Sehen Sie, Hochwürden, es gibt da noch ein Problem. Die Formalitäten, Sie wissen ja."

"Um die kann ich mich leider nicht kümmern." sagte der Priester. "Dies ist nicht mein Amt."

"Sehen Sie, Hochwürden. Mein Bekannter, Dewey, Cal Dewey - ihm ist der kirchliche Segen auch viel wichtiger als die bürokratische Bestätigung. Schließlich sei die Ehe ein Sakrament und kein Vertrag."

"Ohne Zweifel hat Ihr Bekannter recht."

"Am liebsten, sagt er, würde er ganz ohne Einmischung der Bürokratie heiraten. Er sagt, er empfinde es als erniedrigend, in dieser heiligen Angelegenheit den Behörden Auskunft geben zu müssen. Auch sei es beschämend, daß er sich von ihnen müsse vorschreiben lassen, wie lange er noch zu warten habe. Sehen Sie, es ist ja nicht so einfach, die ganzen Unterlageln von Übersee zu beschaffen. Zumal ihm auch sein Reisepaß abhanden gekommen ist.

Das könnte Wochen dauern, und so werde von ein paar Bürornenschen auseinandergehalten, was Gott zusammenfügen will. Sie müssen verstehen, Hochwürden, daß Cal, mein Bekannter also, seine Liebe zu Linda als ein göttliches Geschenk ansieht. Und er wäre durchaus bereit, zum Dank für dieses göttliche Geschenk Ihre kleine Kapelle an der Brücke verputzen und streichen zu lassen. Am liebsten würde er schon am Samstag dort seinen Bund fürs Leben vor Gott besiegeln."

Hochwürden dachte einen Moment nach. Dann sagte er: "Die Unterlagen müßten nachgereicht werden. Und Sie müßten als Trauzeuge die Identität Ihres Bekannten bestätigen, hauptsächlich, daß er unverheiratet ist."

"Hochwürden, natürlich ist er unverheiratet."

"Eine Formalität nur."

Für einen Moment herrschte Schweigen.

"Dürfen wir das Fest für Samstag vorbereiten?" fragte Jarek.

"Es wird sich einrichten lassen," sagte Padre Flores.

"Ich danke Ihnen," sagte Jarek. "Sie machen zwei Menschen glücklich."

"Und wegen des Verputzes für die Kapelle schicken Sie Ihren Bekannten doch bitte bei mir vorbei. Die Außenmauern sollten hellblau werden, dachte ich mir."