Manila ist ein alter Roman von Serge Kreutz aus dem Jahr 1983
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Abschied

Am 12. November 1983 war Dewey schon zur Morgendämmerung in Toledo, um den ersten Bus abzufangen, der von Tacloban nach Maasin fuhr. Auf dem Bus- und Jeepney-Sammelplatz herrschte schon reger Betrieb. Es wurde heißer, wässriger Kaffee verkauft, und an den Ecken standen Männer und urinierten. Die Lungenkranken husteten sich aus, und überall krähten die Hähne.

Die Abfertiger der Jeepneys und Busse schrieen herum, und hin und wieder wurde ein voll beladener Jeepney angeschoben, weil der Motor im Stand nicht anspringen wollte. Ein Angestellter Jareks rnit Namen Ancito hatte Dewey mit einem Tricycle in die Stadt gefahren, und Linda hatte ihn begleitet. Der arme Ancito hatte ganz kleine Augen, weil er noch müde war; Linda war natürlich hellwach, aber sie sah ein bißchen bleich aus, an diesem Morgen. Sie hatte Dewey einen Proviantbeutel gerichtet, mit gekochten Eiern und Brot, und es war ein Briefchen in dem Beutel, das Dewey schon auf dem Weg zum Bus-Sammelplatz gelesen hatte.

Es lautete:

Lieber Cal,

denk an mich, wie ich an Dich denke. Ich werde Dich ewig lieben, denn ich bin Deine Frau.

Linda

Sie warteten eine Weile auf einer Holzbank, und dann kam der Bus - ein kleines häßliches Fahrzeug, gelb gestrichen und überfüllt. Leute stiegen aus, und Dewey zwängte sich in den schmalen Gang nach hinten. Er fand zwar einen Fensterplatz, aber es war ein Sitz über einem Hinterrad, und Dewey mußte die Beine anziehen.

Linda stand unter dem Fenster. Dewey sagte: "Eine Woche ist ja nicht lange." Er hatte sich damit entschuldigt, er müsse sich um einen neuen Paß kümmern.

"Sei vorsichtig," sagte sie.

Er glaubte ihr, daß sie sich Sorgen machte.

"Sie hat einen Charakter aus früherer Zeit," dachte er, "beladen mit Werten." Sie würde sich lange um ihn Sorgen machen, wenn er nicht zurückkam - ein halbes Jahr, ein Jahr, zwei, drei Jahre. Arme Linda, mit ihrem schönen, runden Hintern, dessen Reiz nur so kurz angedauert hatte.

Sie hielten sich bei der Hand. Der Bus wartete noch auf Passagiere, und der Abfertiger schrie: "Maasin, Maasin" über den Platz. Linda hatte Tränen in den Augen, aber sie war tapfer. Es würde ja nur für eine Woche sein, dachte sie.

"Paß auf dich auf," sagte Linda.

"Ja," antwortete er. Seine Gedanken waren: "Sie ist ein Spätzünder. Ich bin am Ende, und sie ist erst am Anfang der Liebe. Sie hat mich aus Vernunft geheiratet - weil sie eine gute Partie in mir sah, und jetzt ist es Liebe."

Dann fuhr der Bus an, und es war ein letzter Händedruck und sie winkte ihm nach und er winkte zurück, und es war das Letzte, was sie voneinander sahen, ein Bild, das Linda lange im Herzen tragen würde. Der Bus bog um eine Ecke, und sie waren getrennt und würden nie wieder voneinander hören.

Jetzt, da er Linda verlassen hatte, war er milde gestimmt. Es war eine schöne Zeit gewesen, aber es war auch schön, alles hinter sich abzubrechen.

Bis Abuyog ging es zunächst wieder die Küste entlang. Die Strecke glich der zwischen Tacloban und Toledo, die Dewey vor wenigen Monaten zusammen mit Jarek gekommen war. Sie war kurvenreich, und es ging bergauf und bergab, und manchmal war die Küste zu sehen, und manchmal war sie von Kokoswäldern und Bambusdickicht verdeckt.

Bei Abuyog knickte die Straße ins Innere der Insel ab, und nun ging es stetig bergauf. Rechts und links erstreckten sich Kokoswälder, und dazwischen ragte manchmal ein Mammutbaum hervor, mit einem dicken, geraden, völlig astlosen Stamm. Wo die Kronen der Kokospalmen aufhörten, fingen die Äste der Mammutbäume noch lange nicht an. Es waren majestätische Bäume, nicht nur, weil sie so groß waren, sondern auch, weil sie so einzeln standen.


Nach einer Weile wurde die Straße schlechter, gerade an den kritischen Stellen. Sie war betoniert, wo es sanft bergan ging, und wenn es steil wurde, war es nur noch eine Piste. Die Brücken waren alle nur Notbehelf, und manchmal, wenn das Gewässer nicht sehr tief war, war es nur eine befestigte Furt.

Die Menschen, die Dewey in den Bergen sah, waren arm. Viele Kinder waren nackt, und Erwachsene, besonders die Frauen, trugen nur Fetzen am Körper.

Es begegneten ihnen Jeeps, wirkliche Jeeps: es waren Militärpatrouillen. Und als sie oben waren auf dem Paß, hatten sie einen herrlichen Ausblick über Kokoswälder, Kokoswälder, so weit das Auge reichte.

Der Bus hielt hier oben an einem Bauhof, und der Fahrer kippte Wasser in den Kühler, das mit lautem Zischen verdampfte. Auf dem Bauhof standen große Maschinen, Geländehobel, Bagger, Raupen und Kipper, aber es fehlten die Räder, und das meiste war Schrott. Dewey sah nur einen Mann, der zu diesem Bauhof zu gehören schien. Dieser saß auf einer Bank vor einem Haus, das wohl das Büro eines Bauleiters sein mußte, denn es gab dort einen Fahnenmast, der allerdings nicht beflaggt war.

Sie fuhren weiter, und nun ging es fast nur noch bergab. Der Mann am Steuer nahm nur selten die Geschwindigkeit zurück, aber er hupte an unübersichtlichen Stellen. In Hilosig hatten sie ein paar Minuten Aufenthalt, denn es zweigte hier die Straße nach Mahaplag ab, und es stiegen Passagiere ein und aus.

Sie hatten kaum gehalten, als Scharen von Frauen und Kindern den Bus umringten und Reiskuchen und gekochte Eier und Limonaden zum Kauf anboten. Sie hatten alle die selbe Ware, und es verlangten alle die selben Preise. Es waren so viele Verkäuferinnen, daß mindestens zwei ein Fenster des kleinen Busses belagerten, und sie streckten, wenn sie groß genug waren, ihre Arme durch die Fenster. Es waren fast nur Frauen und Mädchen zu sehen, und es war eigentümlich, daß fast alle Röcke aus einem festen, weinroten Stoff trugen. Es sah aus wie eine Uniformierung, aber wahrscheinlich hatte der Schneider im Ort keinen anderen Stoff auf Lager.

Sie erreichten die Küste an einem Ort, der Baybay hieß, und dann ging es nach kurzem Aufenthalt auf ebener, aber nicht asphaltierter Straße weiter in Richtung Süden. Es gab mehrere kleine Ortschaften und lange Hausreihen an der Straße, und die Häuser und das Gebüsch an der Straße waren hellbraun vom aufgewirbelten Staub.

Um 10:30 Uhr schließlich erreichten sie Bato, wo Dewey ein Schiff mit Namen Fidji II bestieg, das der South Pacific Shipping Corporation gehörte. Das Schiff war aber keinesfalls unterwegs nach Ozeanien, und man blieb auch schön nördlich des Äquators. Die Fidji II bediente nur im Pendelverkehr die Strecke Bato - Cebu, eine Überfahrt von fünf Stunden.